Walter Kolb, Oberbürgermeister
Als er die Stadtregierung übernahm, glich Frankfurt einem Trümmerhaufen. Walter Kolb (SPD) war nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 der erste demokratisch gewählte Bürgermeister der Mainmetropole. Sein Wunsch lautete: “Seid einig für unsere Stadt.” Die Älteren mögen den beliebten und beleibten Bürgermeister noch miterlebt haben, die Jüngeren erinnert unter anderem eine Straße in Sachsenhausen an ihn. Während seiner zehnjährigen Amtszeit leistete Kolb Großes für die Stadt: Seine Hauptaufgaben lagen darin, die Nachkriegsnot zu lindern und die Stadt wiederaufzubauen. Seine Regierung schuf die Grundlagen für die heutige wirtschaftliche Stellung und das moderne Bild Frankfurts.
Kolbs Amtszeit war turbulent. Vor dem Wiederaufbau musste er die Stadt “enttrümmern”. Das war eine Herausforderung: Frankfurt war eine der am meisten zerstörten Großstädte Deutschlands und lag unter einer Trümmerschicht von 13 Millionen Kubikmetern Schutt. Kolb eröffnete am 17. Oktober 1946 den Bürgereinsatz, mit dem er die Aufräumarbeiten zu meistern gedachte. Das Bild mit dem Preßluftbohrer hat den Oberbürgermeister unvergesslich gemacht. Während Kolbs Amtszeit bauten die Frankfurter den Dom, den Römer und eine neue “Altstadt” wieder auf. Bei der Neugestaltung setzte die Stadt auf die “Frankfurter Lösung”, die heute noch zu sehen ist: die Synthese alter und neuer Bauten.
Besonders am Herzen lag Kolb von Anfang an die Paulskirche, das Symbol für Demokratie in Deutschland. Pünktlich zur Jahrhundertfeier der Nationalversammlung 1948 sollte die bis auf ihre Grundmauern niedergebrannte Kirche wiederaufgebaut sein – gerade auch als Zeichen für den demokratischen Neubeginn nach 1945. Dafür startete Walter Kolb einen Aufruf an alle Städte, Kreise, Länder und Bürger Deutschlands, Geld und Baumaterial zu spenden. Als sich die Bauarbeiten verzögerten, weil die Arbeiter nicht genug zu essen bekamen, machte Kolb Druck und beseitigte das Übel. So schaffte er es, die Paulskirche in nur 16 Monaten Bauzeit am 18. Mai 1948 einzuweihen.
Die Frankfurter Bürger jedoch nahmen den Prestigebau mit gemischten Gefühlen auf – die Zeiten waren schlecht. “Sie hätten uns lieber Wohnungen und Essen dafür geben sollen”, beschwerten sich viele. Darum entschloss sich die Stadtregierung, als sozialpolitisches Pendant zum Paulskirchenbau sofort eine zerstörte Siedlung aufzubauen. Die Wahl fiel auf die Friedrich-Ebert-Siedlung im Gallusviertel.
Auch das Goethehaus gewann seine alte Form wieder, Kirchen, Wohnungen und Siedlungen entstanden in der Innenstadt und den Außenbezirken. Kolb belebte auch die Frankfurter Messe 1948 wieder und förderte Industrie und Handel in der Stadt, die auf eine jahrhundertelange Tradition als europäisches Handelszentrum zurückblicken konnte. So ebnete er Frankfurt den Weg zur Wirtschaftsmetropole auch nach dem Krieg. Bereits Mitte der fünfziger Jahre war die Stadt der bedeutendste Banken- und Börsenplatz Deutschlands.
Langsam kehrte auch die städtische Normalität wieder ein, und das Leben der Bürger verlief in geregelten Bahnen. Die Einwohnerzahl wuchs 1953 auf 600.000. Vor dem Krieg lebten hier in Frankfurt 550.000 Menschen, im letzten Kriegsjahr waren es nur noch halb so viele gewesen.
Unter Kolb bewarb sich Frankfurt auch um den Sitz der Bundesregierung. Für diesen Zweck errichtete die Stadt Gebäude auf der Bertramswiese. Doch schließlich bekam Bonn den Zuschlag. Die Entscheidung traf Frankfurt hart, die Niederlage in der Hauptstadtfrage war Kolbs schwerste Schlappe seiner Amtszeit. Der Hessische Rundfunk übernahm den bereits fertigen Komplex auf der Bertramswiese und baute ihn zum Sender aus.
Der gebürtige Bonner Walter Kolb nahm sich als Anwalt während der Nazi-Zeit der rassisch und politisch Verfolgten an. Das brachte ihm mehrfach Haftstrafen ein. Aus dieser Zeit trug er schwere gesundheitliche Schäden davon. Zudem war er stark übergewichtig und zuckerkrank. Dass er sich auch noch beruflich völlig verausgabte, war sein Todesurteil: 1956 starb Kolb im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt. 100.000 Menschen begleiteten Kolb auf seinem letzten Weg zum Hauptfriedhof.
Der Politiker war in seiner Zeit laut Umfragen einer der beliebtesten Bürgermeister in der Bundesrepublik. Postum bescherte der verstorbene Walter Kolb den Frankfurter Sozialdemokraten bei der Kommunalwahl 1956 das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte. Sie erreichten 54,5 Prozent der abgegebenen Stimmen.
Lesen Sie auch:
Diesen Artikel drucken

Einträge
Ich kann mich noch gut an Walter Kolb erinnern. Als Kind ging ich immer seit 1954 von Nied nach Höchst zur Leibnitzschule. Der Weg führte am Main entlang über die Nidda und am Bolongaropalast vorbei. Dort hatte Walter Kolb (soweit ich mich erinnere) eine Dienstwohnung. Besonders beindruckend waren seine 2 Neufundländer die aus den Mauerlöchern des Bolongaropalastes die Leute und uns Schulkinder eigentlich recht freundlich mit ihrem tiefen Gebell begrüßten.
Manchmal führte W.Kolb die Hunde auch aus und unterhielt sich mit uns.So blieb mir der wohlbeleibte Mann recht gut in Erinnerung.