“Sind Sie auch für die Republik?”
Frankfurt, Heiliger Himmel! Geschrei! Gewehrfeuer! Frankfurt schwimmt in Schwarz-Rot-Gold und hat einen provisorischen Rausch! Sie überladen sich so mit Hoffnung und Triumphgefühlen, dass der Sieg zu einer Nebensache werden könnte. Es sieht hier aus wie bei einem unschuldigen Pfingstfeste. Die Häuser bedeckt mit Laub, Teppichen und Fahnen, die Straßen voll von geputzten Leuten. Eleganz genug, aber entsetzlich wenig Volk. Deutsche aller Gegenden und Arten strömen zusammen, ehemals fortgejagte und künftig fortzujagende …
Neben den Republikanern mit abwärts hängenden Bärten und nach hinten gestrichenen Haaren gehen Kammerherrengesichter mit aufwärts gedrehten Schnauzbärten und von hinten nach vorn gequälten Frisuren. Ehrsame Bürger im Hauskäppchen, von ihren bewundernden Frauen und Kindern umgeben, stehen vor ihren Türen und schießen mit wichtigen Gesichtern in die Luft. An den Läden stehen die Alten und Jungen mit klugen Mienen, auf denen geschrieben steht: “Es ist doch eine merkwürdige Zeit; was die Leute für närrische Köpfe haben! Gewissermaßen auch amüsant, wenn sie nur keine tollen Streiche machen.” …
Bis heute Mittag waren 246 Deputierte eingeschrieben. … was von der Versammlung zu erwarten steht, weiß man hier noch nicht besser als anderswo – gar zu viel Wohlwollende und gar zu wenig Wohlgemute. Eine vorbereitende Besprechung gestern Abend im Weidenbusch1 soll heftig gewesen sein, indem die Republikaner bereits hart aneinander gerieten mit den Konstitutionellen. Im fremden Publikum sieht’s übrigens republikanischer aus, als ich glaubte. Wenigstens sprechen die Republikaner laut, während die andern schweigen.
In den Frankfurter Herzen sitzt viel Furcht. “Sind Sie auch für die Republik?”, fragen sie mit bangen Gesichtern jeden Ankömmling, und es wird einem ordentlich wichtig zumut, mit so gespannter und ängstlicher Miene um seine Meinung konsultiert zu werden. Hinter den lustigen Fahnen pochen enge Herzen. … Dass von allen Seiten kurzweilige Bemerkungen fallen, lässt sich denken: “Was soll man aber mit den Fürsten machen, wenn man sie absetzt?”, fragte einer. – “Ja, da sitzt der Knoten!”, erwiderte ernst der andere. “Historisch” und “organisch” sind Trumpf; “wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass”, ist der kurze Sinn aller schönen Reden und “die verfluchte französische Revolution!” der stille Gedanke vieler guter Seelen.
30. März 1848, Mainzer Zeitung
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