Prostitution

Von: Frankfurter Rundschau | Abgelegt unter: Frankfurt-Lexikon

“Sie ist die, von der alle, die anständig sind oder sich anständig dünken, sagen: ,Die von der Kaiserstraße’. Jede Stadt hat eine Straße, die als Straße der Dirnen bekannt ist. Berlin die Friedrichstraße, Hamburg den Jungfernstieg und Frankfurt die Kaiserstraße. Eigentlich ist die Kaiserstraße für sie verboten, sie darf sie nicht betreten, sondern soll sich in einer dunklen Nebengasse aufhalten.”

“Dirnen”, “liederliche Frauen” und “gefallene Mädchen” sah man um die Jahrhundertwende nicht gern auf Frankfurts Prachtstraßen, wie der Frankfurter Journalist Bruno Elkin Anfang der 20er Jahre in den Schwarzen Blättern schrieb. Dennoch erfuhr man auf der Flaniermeile offenbar “Neuigkeiten von allen Dirnenstraßen Deutschlands”. Und wer genau hinhörte, der vernahm auch die Beschwerde der Prostituierten, “dass die Polizei neulich wieder aufgeräumt” habe.

Seit der Okkupation Frankfurts durch preußische Truppen und die anschließende Annexion im Jahr 1866 war nicht nur die Ära der seit 1810 wohlgelittenen und konzessionierten Bordelle vorbei. Zum Ende des Jahrhunderts verbannte man die Prostituierten auch rigoros von Frankfurts Einkaufsstraßen und unterzog sie strengen Kontrollen. Und das alles, um zu verhindern, was nicht zu verhindern war: nämlich das “Anlocken von Mannspersonen, sei es durch Worte, Laute, Gebärden oder Zeichen.”

“Auf allen großen Straßen durften sich Prostituierte nicht blicken lassen”, weiß der Frankfurter Historiker Fritz Koch. Für seine Promotion über die Geschichte der Prostitution in Frankfurt von 1867 bis 1989 wälzt er seit einem Jahr Polizeiakten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – eine trockene Arbeit, verraten doch Zahlen und dürre Verordnungen zunächst nur wenig über das Leben der “Dirnen”, die man einerseits mit strengen Auflagen bedachte, deren Arbeit die Polizei aber andererseits tolerierte.

Bei seinem Aktenstudium stößt der 40jährige mitunter auf wüste Pamphlete und moralische Traktate gegen die “liederlichen Frauen” in der Stadt. So hatte sich beispielsweise Anfang der “Goldenen Zwanziger” die Frankfurter Nacht-Post einer “rücksichtslosen Kritik aller öffentlichen Angelegenheiten” verschrieben. “Eine ganz ominöse Zeitung, die mir bislang noch Rätsel aufgibt”, räumt Fritz Koch ein. Denn die angeblichen Sittenwächter waren über das Treiben der “Kokotten” erstaunlich gut informiert: “Das könnte auch ein Reiseführer für Frankfurter Nachtschwärmer gewesen sein.”

Solche Verdächtigungen erübrigen sich beim Pfarrer der Weißfrauengemeinde, der 1912 gegen die Errichtung eines Großbordells publizistisch zu Felde zog und erfolgreich aus dem “Kampf um die Sittlichkeit” hervorging. Im südwestlichen Bahnhofsviertel hatte ein Duisburger Unternehmer ein “offizielles” Freudenhaus in der Nähe des Bahnhofs errichten wollen – und zwar mit Duldung des Frankfurter Polizeipräsidiums, das so die Prostitution aus der Altstadt fernhalten wollte. “In dem Bordell sollte sogar eine ärztliche Untersuchungsstelle und eine Polizeistation eingerichtet werden”, hat Fritz Koch aus den Magistrats- und Polizeiakten herausgelesen.

Die Kirchenvertreter waren allerdings nicht die einzigen, die Sturm gegen das Projekt liefen und es schließlich zum Scheitern brachten. Auch der Hausbesitzerverein, der um den künftigen Wert seiner Grundstücke bangte, und die im Bezirksverein zusammengeschlossenen Anwohner formierten sich zur moralischen Protestbewegung: “Darum auf die Schanzen, ihr Männer, Familienväter und ehrbare Frauen, helft alle, damit die Dirnen aus unserem Stadtteil verschwinden.”

Das Wechselspiel von Protektion und Protest ist eines der Wesensmerkmale der Frankfurter Prostitutionsgeschichte, das Fritz Koch in seiner Dissertation herausgearbeitet hat: “Da gibt es Brüche, aber auch viele Kontinuitäten bis in unsere Zeit”, weiß Koch. Am Leben der “Dirnen” interessiert den Wissenschaftler vor allem deren “Minderheitenposition”, obwohl sich diese für das 19. und frühe 20. Jahrhundert nur aus dem Blickwinkel der Behörden rekonstruieren lässt: Tagebücher oder andere Schriftstücke von Prostituierten gibt es aus dieser Zeit nicht.

Auch für die NS-Zeit hat der Historiker bislang nur sehr wenige verwertbare Schriftstücke gefunden. Die für seine Promotion möglicherweise wichtigen Akten des Stadtgesundheitsamts sind während des Zweiten Weltkriegs fast alle verbrannt. Von Von Katja Irle

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    2 Kommentare
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    1. [...] Archiv der Frankfurter Zeitung stammen. So sind auch Einträge zu verschiedenen Themen (etwa zur Prostitution) oder zu Lokalitäten (etwa zur Börse) im Weblog zu [...]

    2. Konnen Sie mir sagen ob die Geschichte der Prostitution in Frankfurt schon erschienen ist? Ich habe ein Buch veroffentlicht uber die Prostitution in die Niederlande in 19. Jahrhundert und heisst Een koopman in vleeschwaar: Engelbertus Millekes Knuvelder 1853-na1911. Es ist ein Leben uber ein Bodellehalter. Es gibt Verbindungen mit Frankfurt. Ein Frauenhandler Gottfried Hucke aus Frankfurt war in Nijmegen (Niederlande) beim Knuvelder. Haben Sie vielleicht Daten uber diese Hucke. Ich bin seht gespannt.
      Herzliche Gruss,
      André Kersten (Nijmegen) Autor.

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