Preußische Provinzstadt Frankfurt

Hufe klappern über Kopfsteinpflaster. Ein Pferdeomnibus fährt Sonntagsausflügler zum Oberforsthaus, andere pilgern über die Heide in den Nachbarort Bornheim zum Tanz. Oder zur neuen Galopprennbahn nach Niederrad. Oder flanieren über den Roßmarkt, der noch direkt in die Hauptwache übergeht, und setzen sich unter die Bäume des Goetheplatzes. Eigentlich wie immer. Freies Sonntagsleben in einer freien Stadt. Aber das ist Frankfurt nicht mehr.

Die Welt schreibt das Jahr 1866. Preußen hat Frankfurt einkassiert. 500 Jahre als freie Stadt sind perdu. Frankfurt, bis dato noch Sitz des Bundestags, der im Thurn- und Taxis’schen Palais tagte, ist Kreisstadt geworden. Preußisches Provinznest. “Die alt Kaiser- und neu Kreisstadt”, frotzelt Friedrich Stoltze, Dichter und kritischer Kolumnist in der “Frankfurter Latern” bitter.

Dabei hatte sich das 19. Jahrhundert so vielversprechend angelassen: In den Jahren 1806 bis 1810 fällt das enge Korsett der Befestigungsmauern, die Wallanlagen werden zum grünen Gürtel, der Goethes Mutter Aja schwärmen lässt: “Um die ganze Stadt zieht sich ein Park.” Und sie kann wachsen. Villen entstehen an der Chausee zum Nachbarort Bockenheim, die Bebauung an der Eschersheimer Chausee rückt bis zum Grüneburgweg vor.

Als Sahnehäubchen der Wiener Kongress: 1813 wird Frankfurt als Freie Reichstadt festgeschrieben, 1816 zieht der Bundestag an den Main. Und jetzt platzen die Preußen rein, schlagen ein neues Kapitel auf. Eine neue Häutung, die Frankfurt radikal in eine neue Zeit katapultiert.

Der Schmach folgen ein nie dagewesener wirtschaftlicher Aufschwung und gesellschaftliche Modernisierung. Überfällig: Denn im selbstgenügsamen Dasein ihrer freien Stadt mit strenger Zunftordnung, Ständewesen, Steuer- und Zollsystem haben die Frankfurter den Zug der Zeit verschlafen. Die Bedeutung der Messe ist hinter Leipzig verblasst, als Handelsstadt hat Frankfurt an Bedeutung verloren.

Mit der preußischen Obrigkeit setzt nun aber auch in Frankfurt ein, was andernorts nicht mehr aufzuhalten ist: Die industrielle Revolution. Der alte Zunftzopf wird abgeschnitten, die Obrigkeit des Senats abgeschafft, fortan dürfen Bürger ihre Stadtverordnetenversammlung wählen und fortan gilt jeder als Frankfurter, der in die Stadt zieht – auch ohne eine Eingesessene heiraten zu müssen.

Die Bevölkerungszahl steigt rasant. Nordend und Ostend entstehen, Betriebe eröffnen, die Gärten um den Stadthäusern werden bebaut. Nach dem deutsch-französischen Frieden, 1871 im Gasthof “Zum Schwan” am Steinweg besiegelt, ist der Aufschwung nicht aufzuhalten. 1877 wird Bornheim, eingemeindet, bis 1900 folgen die Stahlindustriestadt Bockenheim, Seckbach, Niederrad und Fechenheim. Die Einwohnerzahl hat sich von 1866 bis 1900 auf gut 400 000 verdreifacht.

Und die Frankfurter geben sich selbstbewusst, ermöglichen im Verlauf der 1870er und 80er Jahre wichtige Bauten: den Eisernen Steg, Unter- und Obermainbrücke, Opernhaus, Markthalle, den Hauptbahnhof oder die neue Börse. Frankfurt ist der führende Börsenplatz und in Fechenheim und Griesheim rauchen die Schlote der Farbfabriken. Arbeiter und Angestellten entwickeln neues Selbstbewusstsein, Sozialpolitik wird zum Aufgabenfeld der Stadt. Der Frankfurter fährt jetzt Dampflok – bis zur nächsten Häutung. Von Anita Strecker

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    1 Kommentar
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    1. Sehr geehrte Frau Gemmer,

      sehr schade, aber leider nicht ungewohnt, dass Fechenheim hier überhaupt nicht vorkommt. Weder im Ausklappmenü “Orte” noch im Frankfurt-Lexikon findet sich der östlichste Frankfurter Stadtteil.
      Fechenheim wurde übrigens nicht wie im obigen Artikel geschrieben 1900, sondern erst 1928 eingemeindet.

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