Niederrad – Frankfurts Wäscherei
“Es war die Wäscherei Frankfurts.” – Das ist die spontane Assoziation vieler Menschen, wenn man sie nach der Geschichte Niederrads fragt. Die reicht aber bis in jene Jahrhunderte zurück, von denen nur noch Historiker zu erzählen wissen.
Im frühen Mittelalter nahm Niederrad seinen Anfang, als das Gebiet bei Frankfurt südlich des Mains fast nur Waldgebiet war. Einen Teil des Landes schenkte Kaiser Lothar von Supplinburg 1128 dem Ritter Konrad von Hagen. Der Ritter legte auf einer kleinen Erhebung im Raum der heutigen Kelsterbacher und Schwanheimer Straße eine kleine Siedlung an. Man nannte sie einfach “Rode” (von Roden) und unterschied sie von einer anderen, als “Niederrod” oder “Niederrodt”. Erst durch Verballhornung ist Jahrhunderte später daraus “Niederrad” geworden.
Das Dorf bestand zu Beginn aus zwölf bis 16 Häusern, seine Bewohner waren Bauern und Fischer und schon früh gab es hier auch Gasthöfe. So klein und unbedeutend das Dorf auch war, so oft wechselten seine Besitzer. Die Herren gaben das Dorf meist als Lehen an andere weiter. Im 16. Jahrhundert hatte Niederrad sogar drei Besitzer, unter anderen das Frankfurter Deutschordenshaus. Die Bewohner waren Leibeigene, mussten Frondienste leisten und Abgaben zahlen. Dem Orden gehörte auch der “Sandhof” am östlichsten Ende Niederrads. Dieser wurde später vom Schafhof zum Prunkbau umgestaltet, im Zweiten Weltkrieg zerbombt und ist heute Teil der Universitäts-Klinik.
Die Stadt Frankfurt hatte 1372 einen Teil des Reichsforstes und das Schultheißenamt gekauft und war Freie Reichsstadt geworden. Seitdem besaß sie großes Interesse an Niederrad. Bereits 1474 wäre es beinahe zum Verkauf des Dorfes gekommen. Doch erst 1568 kam es zu Gesprächen mit dem Hause Solms, mit dem Frankfurt nach langen Verhandlungen seine Rödelheimer Schlösser gegen das Maindorf tauschte.
Gegen Mörder und Räuber war das Dorf gewappnet. An der heutigen Niederräder Landstraße gegenüber dem Garten des späteren Frauenhofs stand das “Hochgericht”, der Galgen. Dennoch musste das Dorf so manche Attacke überstehen. Zwischen 1300 und 1500 suchten mehrmals Raubritter Niederrad heim. Im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) der protestantischen Fürsten und Städte gegen den katholischen Kaiser belagerten kaisertreue Truppen wochenlang Frankfurt. Sie konnten zwar die Reichsstadt nicht einnehmen, zerstörten bei ihrem Rückzug aber die ungeschützten Dörfer. So zündeten sie Niederrad und den Sandhof an.
Das Dorf wurde in der Folgezeit wieder aufgebaut, aber schon zwei Generationen später zerstörte es eine Feuersbrunst fast vollständig. Unter den kriegerischen Auseinandersetzungen der nächsten Jahrhunderte – dem Dreißigjährigen Krieg, den Eroberungskriegen Ludwigs XIV. von Frankreich, dem Siebenjährigen Krieg – hatte auch Niederrad zu leiden.
Berühmt bei den Frankfurtern war Niederrad wegen seiner vielen Gaststätten. Davon ist heute nicht mehr viel geblieben. Einige der renommierten Wirtshäuser waren das “Weiße Rößlein”, das Gasthaus “Zum Schwan” und der “Bamberger Hof”, in denen auch Goethe gern verkehrte. Weil Niederrad keine große Ackerflur hatte, mussten die Bewohner außerhalb der Landwirtschaft ihr Auskommen suchen. Dabei entdeckten die alten Niederräder schon früh den Dienstleistungssektor für sich. Im 19. Jahrhundert avancierte Niederrad zur Wäscherei Frankfurts. In dem Dorf gab es weiches Wasser und große Wiesenflächen, auf denen die “Bleichgärtner” die Wäschestücke zum Trocknen ausbreiteten. Auch andere Industriezweige, vor allem die Lebensmittelproduktion, siedelten sich in Niederrad an.
Seine Eigenständigkeit als Gemeinde gab Niederrad am 1. Juli 1900 mit der Eingemeindung zu Frankfurt auf. Im Zweiten Weltkrieg trafen die Bomben der Alliierten auch Niederrad. Diese hatten das alte Dorfbild völlig zerstört, Niederrad bekam in den nächsten Jahren ein ganz neues Gesicht.
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