Margarete Mitscherlich: Lebendig bis zum Schluss

"Das Leben ist nicht leicht, befand Margarete Mitscherlich, als man sie bei einer Diskussion vor einigen Jahren zum Altwerden befragte. „Es ist immer wieder schwer“, führte sie aus, „und am Schluss ist es zu Ende.“ Am 12. Juni 2012 war es so weit.

Bis zuletzt wohnte die Ärztin, Psychoanalytikerin, Feministin, Frankfurterin und Westend-Bewohnerin dort, wo sie vor 35 Jahren mit Alexander Mitscherlich eingezogen war; am Sonntag erst musste sie ins Krankenhaus, ins Bürgerhospital. Am Dienstag, 12. Juni 2012, starb sie. So passt der Tod zu ihr.

Diese Frau, sie war beinahe 95 Jahre alt, hat uns seit Jahrzehnten auf sehr schlagfertige Art, in unverblümten und vollkommen eingängigen Worten die Gesellschaft, die Zeit, das Zusammenleben erklärt. Wie es sich verhält mit Schuld und Trauer, mit Sexualität und Trieben, mit Macht und Liebe, zwischen Mann und Frau – jetzt möchte man sie gern fragen, wie sie denn nun auf das Letzte zurückblickt, ob sie also versöhnt ist, mit dem Lebensende.

Mehr als „lebendig zu bleiben bis zum Schluss“ hatte Margarete Mitscherlich, pragmatisch-nüchtern wie sie war, ja gar nicht vor. Und was sie vorhatte, pflegte sie umzusetzen.

Margarete Mitscherlich
Als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin kam Margarete Nielsen 1917 in Dänemark zur Welt. Ihr Abitur machte sie während der Nazi-Diktatur in Flensburg. Nach dem Medizin-Studium in München und Heidelberg arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie Alexander Mitscherlich (1908-1982) kennenlernte. 1955 heirateten sie, das Paar begründete eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung, eine Lebens- und Denkgemeinschaft. 1967, in dem Jahr, als das Paar nach Frankfurt zog, veröffentlichen beide ihr bekanntestes Werk: “Die Unfähigkeit zu trauern” über die kollektiven Schuldleugnungsmechanismen der Gesellschaft. Es folgte eine Reihe weiterer Publikationen Margarete Mitscherlichs, darunter 1985 “Die friedfertige Frau”, ein Buch über das Rollenverhalten von Frauen in der Politik.

Nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass ihr letztes Buch erschienen ist, das den Titel „Die Radikalität des Alters“ trägt. Diesen radikalen Einschnitt wird sie empfunden haben, wenn ihre Beine nicht mehr so wollten, wie sie es wollte. Im Feinkostladen von „Onkel Emmo“ um die Ecke ihrer Westendwohnung traf man Margarete Mitscherlich beim Einkauf mit einer Gehhilfe an, was überhaupt nicht zu ihrer Freiheitsliebe passen wollte. „Das Leben hat keinen Sinn, es muss auch ohne gehen …“ – solche Sätze, typische Mitscherlich-Bemerkungen, bleiben von ihr.

Streit um die Ehrenplakette

Diese Frau hatte immer wieder die Courage, „in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft auch Unbequemes anzusprechen“, sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) am Mittwoch über Margarete Mitscherlich. 1990 habe Frankfurt sie für ihre Beiträge zur „Humanisierung der Gesellschaft“ mit der Ehrenplakette ausgezeichnet. Freilich entwickelte sich damals heftiger politischer Streit um die Ehrung – was Jürgen Habermas in einem Glückwunsch zu Margaretes 75. Geburtstag zwei Jahre später als „Häme“ gegenüber „dieser streitbaren Intellektuellen“ deutete.

Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) zeigte sich jetzt vom Tod der Analytikerin „betroffen“; Mitscherlich habe „immer das Wesen der Menschen verstehen wollen“. Wenn sie Missstände ansprach, „nahm sie kein Blatt vor den Mund“. „Die Lust am Denken“ prägte ihr Leben, äußerte sich Rolf Haubl, Vize-Direktor des Sigmund-Freud-Instituts.

Um dort zu arbeiten, waren die Mitscherlichs 1967 nach Frankfurt gezogen; beide seien „bis heute geniale Stichwortgeber für ungelöste Fragen“, formuliert Haubl. „Unser Land und unsere Gesellschaft verdanken ihr viel“, sagt Jörg Bong, Geschäftsführer des Fischer-Verlags, wo Frau Mitscherlichs letztes Werk erschienen ist.

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