Im Westend beginnt der Häuserkampf

“Wir haben dieses Haus besetzt, um zu verwirklichen, was Regierung und Magistrat immer nur versprechen. Deshalb werden wir dieses Haus selbst verwalten”. So lautet die Inschrift auf einem der vielen Transparente, die von den Balkonen des Eckhauses Eppsteiner Straße 47 flattern. Das Haus wurde am frühen Samstagmorgen gegen vier Uhr von kinderreichen Familien, ausländischen und deutschen Arbeitern, Studenten and Lehrlingen besetzt.

Diese „Hausgemeinschaft Eppsteiner Straße 47″ betont: „Wir meinen das nicht nur als Demonstration. Wir sind dabei, das Haus wieder einigermaßen instandzusetzen und wollen bleiben. Wir sind bereit, mit dem Hausbesitzer wegen einer vernünftigen Miete zu verhandeln.”

Sie sind optimistisch genug, anzunehmen, der Hausherr würde sich vielleicht doch bereitfinden, mit der Hausgemeinschaft den ihm angebotenen Pauschalvertrag abzuschließen. “Bei Einzel-Mietverträgen kann man viel mehr unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt werden” — obwohl sie nicht bereit sind, mehr als zehn Prozent ihrer Einkommen als Miete zu bezahlen. Nicht zuletzt beflügelt sie dazu die Einstellung der Nachbarschaft, die dem Unternehmen mit abwartender Sympathie gegenübersteht, was aus verschiedenerlei Gessprächen am Rande unschwer deutlich spürbar wird.

Eppsteiner 47Natürlich wollte die Hausgemeinschaft mit ihrer Aktion „ein Zeichen setzen”, natürlich hoffen ihre Mitglieder, dass ihr Beispiel Nachahmer finden wird, dass es vielleicht doch zu einer Art „konzertierter Aktion” im Westend kommen wird. Mit Flugblättern und Comic Strips werben die Mitglieder der Hausgemeinschaft um Verständnis für ihre Aktion. Sie kritisieren die Vertreibung der Bevölkerung aus dem Westend und betonen, sie werde mit immer brutaleren Methoden durchgeführt.

Flugblätter

In einem der Flugblätter heißt es: „Die Spekulanten zwingen die Bewohner, durch willkürlich hochgesetzte Mieten die Häuser zu verlassen, erpressen von Fremdarbeitern Rekordmieten für verwahrloste Räume, lassen dringend benötigten Wohnraum monatelang leerstehen, verweigern die Beheizung, demolieren die Installationen, bis die Häuser unbewohnbar sind. Dann reißen sie die Gebäude ab und bauen Bürosilos für Großkonzeme.”

Die “Folgen dieser Profitgier” sehen die Hausbewohner so: “Der Wohnraum wird knapper — die Mieten steigen weiter — Arbeiter und Studenten sind die ersten Betroffenen; dann geht es weiter: die kinderreichen und weniger bemittelten Familien müssen die Stadt verlassen, um außerhalb billigere Wohnungen zu finden. Die Berufstätigen sind noch länger unterwegs, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen.” Das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum aber — das die Mitglieder des Wohnkollektivs aus dem Grundgesetz ableiten — sei höher zu bewerten als die “Profitgier weniger Spekulanten”. Mit der Hausbesetzung soll die Probe aufs Exempel gemacht werden.

Früher sollen in dem Haus Eppsteiner Straße 47 etwa 100 Gastarbeiter gewohnt haben. “Bald aber”, so betont die Wohngemeinschaft, „stand das fünfstöckige Haus zur Hälfte leer. Und jetzt sind wir dabei, es wieder allmählich in bewohnbaren Zustand zu bringen. Wir haben seit Freitag 18 Uhr Wände neu gestrichen, die Installation repariert, ganze Fensterscheiben besorgt, das Hereinregnen verhindert, natürlich wollen wir auch die Wanzen vernichten.

Bisher bewohnten etwa 30 Leute die Hälfte des fünfstöckigen Hauses mit seinen zehn Wohnungen. Nämlich: drei italienische und eine türkische Familie und drei Studenten in einer Wohnung. Jetzt kam eine spanische Familie, die es aus politischen Gründen nicht leicht hat, hinzu; eine Arbeiterfamilie mi sechs Kindern zog mit ein. Sie hatte sich, wie die Hausgemeinschaft betont, fünf Jahre lang mit einer Zweizimmerwohnung begnügen müssen, wobei auch das Sozialamt sich nicht in der Lage gesehen haben soll, Abhilfe zu schaffen. Diese Familie, deren Ernährer immer wieder den Job wechseln musste, da kein Arbeitgeber bereit war, Kindergeld für sechs Sprößlinge zu zahlen, habe zunächst mal hier eine Fünf-Zimmer-Wohnung für sich.

Bis zum heutigen Montag soll das Haus, in dem noch ein Filmkollektiv Unterkunft fand, voll bezogen sein. Wie es weitergehen wird, weiß die Hausgemeinschaft nicht. Sie hat inzwischen eine Kommission gebildet, die die Miete festsetzen, eine Hausordnung aufstellen und die Geschäfte des Hauskollektivs führen soll.

Keine Namen

Einen Vorgeschmack künftiger Entwicklungen bekamen die Hausbewohner schon am Samstagvormittag, als Polizisten „die Initiatoren” der Hausbesetzung in Erfahrung zu bringen suchten. Damit, wie die Beamten betonten, der Hausherr Gelegenheit bekomme, Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu erstatten. Die Hausgemeinschaft aber nannte keine Namen. Die seien ja dann nach der üblichen Anmeldung, die sie alle vorzunähmen gedächten, beim Einwohnermeldeamt zu erfragen.

Im übrigen betonten die Mitglieder der Hausgemeinschaft: „Was kann das schon für ein Hausrecht sein, von dem einer erst jetzt Gebrauch macht? Vorher aber, wenn Stadtstreicher und andere schräge Typen eindringen und das Haus verwüsten, nichts dagegen tut, sondern nur an die Polizei weiterverweist?” Sollte aber versucht werden, das Haus gewaltsam zu räumen, so wollen sich dessen derzeitige Bewohner dem mit Nachdruck widersetzen. Wie sie sich das im einzelnen vorstellen, blieb unklar. Sie betonen aber: “Unser Schritt erfordert die Solidarität der ganzen Stadt. Denn unsere Interessen sind auch ihre Interessen!”

Viele Sympathiebeweise

“Wir haben schon viele Sympathiebeweise bekommen”, berichteten Mitglieder der Hausgemeinschaft am Samstagabend. “Uns wurde sogar aus der Nachbarschaft Kuchen gebracht.” Auch seien Geld- und Möbelspenden eingegangen. Ferner seien mehrfach Menschen vorbeigegangen, die demonstrativ zu den Fenstern geklatscht hätten.

Ein Mitglied der Hausgemeinschaft erläuterte die Situation der Arbeiterfamilie mit sechs Kindern so: „Wenn acht Menschen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben müssen, ist es nicht zu verwunderm, daß die Kinder in die Sonderschule gehen müssen. Sonderschüler aber sind später besonders gefährdet. Diese Kinder hier sind jedoch von normaler Intelligenz und könnten, wären sie unter besseren Bedingungen aufgewachsen, in eine normale Schule gehen. Diese Chance haben sie jetzt. Außerdem können wir Studenten ihnen beim Lernen helfen.

“Das sind doch keine Gesprächspartner”

Hausbesitzer Simon P. empört sich in einer Stellungnahme gegenüber der FR: “Das ist der Anfang vom Ende! Keinesfalls kann ich es mir als Hausbesitzer gefallen lassen, dass man einfach mit Gewalt etwas besetzt, und zum Schluss soll ich noch den Stempel der Legalität daruntersetzen — dadurch, dass ich mich mit den Leuten auf einen Handel einlasse. Das sind doch keine Gesprächspartner.” Im übrigen habe er natürlich gewisse Vorstellungen. “Ich weiß noch nicht ganz genau, welche rechtlichen Mittel mir zur Verfügung stehen. Aber die werde ich natürlich alle nützen.”

Im übrigen habe er die Türken, die einen Großteil der Mieter stellten, gekündigt, weil sich die Nachbarn beschwert hätten. Dadurch habe er auch Mieteinbußen erlitten. Und: Selbstverständlich habe er auch das Haus gründlich renovieren lassen wollen, “denn es war ja schon ganz verwahrlost”.

FR vom 21. September 1970

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    Hintergrund: Mit der Eppsteiner Straße 47 im Westend wird am 19. September 1970 das erste Haus in der Bundesrepublik von "Studenten und anarchistischen Sozialhelfern" besetzt. Mehr dazu …
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    1. Wir begrüßen und unterstützen die Besetzung des Hauses Eppsteiner Straße 47. Wir sehen darin und in weiteren Besetzungen von leer stehenden Häusern ein geeignetes Mittel, Missstände in der Stadtentwicklung zu mildern und zu beseitigen. Dadurch wird die Wohnungsnot in Frankfurt gelindert. Es ist empörend, dass Hauskäufer, nur um ihre Spekulationsobjekte frei zur Verfügung haben, diese überhaupt nicht mehr nützlichen Zwecken zuführen.

      Durch die Besetzung soll unmöglich gemacht werden, dass nur aus privaten Profitinteressen ein zur Zeit sehr attraktives Viertel für die derzeitigen Bewohner unbrauchbar gemacht wird. Nach unserer Ansicht leiden nicht nur die Bewohner des Westends unter der Umwandlung in ein reines Wohngebiet, sondern die ganze Stadt.

      Mit den Besetzungen wird demonstriert, wie Haus- und Grundbesitz im Interesse der Frankfurter Bevölkerung möglichst effektiv genutzt werden sollte. Die Stadt wird so darauf hingewiesen, dass sie in der Planung nicht nur auf das Gewinnstreben der Bauherren von Bürogebäuden Rücksicht nehmen darf.
      In der FR vom 21. September 1970

    2. Wir haben die Räume wieder bewohnbar gemacht und mit unseren Möbeln eingerichtet, nachdem uns der Eigentümer in Verhandlungen hingehalten und nicht sagen konnte, wie er die Räume in Zukunft erhalten und nutzen würde. Er hatte sich bereits mit der Übernahme der Verwaltung des Hauses durch uns, die neuen Wohnungsinhaber, im wesentliche einverstanden erklärt. (…) Dies ist kein Fall für die Polizei. Vielmehr streitet allein der Hauseigentümer mit uns über unser Wohnrecht für die Zukunft. Darüber haben die ordentlichen Gerichte zu entscheiden. Wenn sie dem Räumungsanspruch des Eigentümers stattgeben, mag der Gerichtsvollzieher uns unseren Wohnraum nehmen.
      Erklärung, übergeben an OB Möller, FR vom 22. September 1970

    3. Diese Besetzung muss jeden verantwortlichen Politiker aufschrecken. Hier demonstrieren deutsche wie ausländische Arbeiter und Studenten, dass sie sich nicht länger wie Ausgestoßene der Gesellschaft behandelt wissen wollen, in der nur das Geld zählt, sonst nichts. Sie wollen nichts stehlen. Sie bieten einen gerechten Mietvertrag an. Dennoch ist das Gesetz gegen sie. Sie werden weichen müssen, weil es nun einmal den Begriff des Privateigentums gibt. Obgleich gewissen Leuten hierzulande der Satz, wonach „Eigentum verpflichtet“, überhaupt nichts zu bedeuten scheint. (…) Vom Haus Eppsteiner Straße 47 wird man noch lange sprechen. Auch in Bonn. Es ist überhaupt die Frage, ob die Entwicklung nicht bereits über die Köpfe der Politiker hinweggerollt ist.
      Kommentar der FR vom 22. September 1970

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