Im Schlaf getötet: Der Mord an Heinz-Herbert Karry
Heinz Herbert Karry war ein ungeduldiger Mensch. Ein solches Versagen des Staates hätte den FDP-Mann verrückt gemacht. ” Ich bin sicher, der Alte rotiert heute noch im Grab” , sagte sein Sohn Ronald E. Karry 25 Jahre nach dem Tod des Vaters. Das war vor fünf Jahren.
Der Mordfall Karry ist auch nach nunmehr 30 Jahren nicht aufgeklärt. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 1981 wurde der Wirtschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident von Hessen im Schlaf erschossen. Der oder die Täter hatten eine Leiter an das Haus der Karrys im Frankfurter Stadtteil Seckbach gelehnt. Das Schlafzimmer-Fenster stand offen, und über Karrys Frau hinweg schossen die Täter sechsmal auf den Minister. Er verblutete.
Der volksnahe ” Babba Karry” – seine lockere Art und Sprüche im breiten Frankfurterisch trugen ihm den Spitznamen ein – hatte Leibwächter immer abgelehnt. Die Bluttat war der einzige Mord an einem amtierenden Minister in der Geschichte der Bundesrepublik und der erste in Deutschland seit den Todesschüssen auf Außenminister Walther Rathenau 1922. Doch nicht nur deswegen wühlte das Verbrechen die Politik auf. In der Person Karry und in den Hypothesen über seine Mörder spiegelte sich Zeitgeschichte.
Antisemitismus, Linksterrorismus, Startbahn West, Parteispenden-Skandale – nichts fehlte im Repertoire der Spuren und Gerüchte. Als Höhepunkt kam der Name Joschka Fischers ins Spiel, jenes Frankfurter Spontis, der vier Jahre später Minister in Hessen werden sollte. Die Tatwaffe, ließ die Polizei verlauten, sei acht Jahre vor dem Mord in Fischers Auto transportiert worden. Das war die Spur mit höchstem Sensationswert, die aberwitzigste Gerüchte hervorbrachte. Eines davon: Ministerpräsident Roland Koch verwahre im Panzerschrank Dokumente, die Fischer belasteten.
In Hessen werden mehr als 90 Prozent der Mordfälle aufgeklärt. Der Fall Karry gehört nicht dazu. Obwohl es an Spuren nicht mangelte. Vieles ist schief gelaufen. Das begann mit der ” Tollpatschigkeit am Tatort” , wie Karry junior sie beschreibt. ” Die berühmte Leiter ist siebzehnmal woanders hingestellt worden zum Fotografieren, ohne Handschuhe.” Die Umgebung wurde nicht gründlich nach Spuren abgesucht. Zwei Jugendliche fanden die Tatwaffe ein paar Tage später, sie lag an der Straße, in der Karry wohnte. Die Reihe der Pannen ist so lang, dass Karry junior nicht an reinen Dilettantismus glauben mag. Sein Eindruck: ” Man hätte mehr erfahren können, wenn man gewollt hätte.” Aufklärung und Diskretion seien Gegensätze, sagt er. Den Schluss, der nahe liegt, spricht er nicht aus: dass einigen Verantwortlichen Diskretion wichtiger war als Aufklärung.
Wie nützlich Diskretion für die etablierte Politik war, zeigte sich in der Flick-Affäre, die kurz vor Karrys Tod ins Rollen gekommen war. Es ging um illegale Parteispenden von Unternehmen, denen die Politik im Gegenzug dienstbar war. Heinz Herbert Karry, Bundes-Schatzmeister der FDP, der die Partei in erstaunlich kurzer Zeit schuldenfrei gemacht hatte, war eine der Schlüsselfiguren. Nach seinem Tod redete sich so mancher damit heraus, nur Karry habe von Transaktionen gewusst. Für Sohn Karry ist klar, dass das die Ermittlungen im Mordfall nicht befördert hat. Allen sei bewusst gewesen, ” dass man da nicht mehr weiterkommt – oder wenn ja, nur mit einer Staatskrise” .
Für weite Teile der Öffentlichkeit war der Mordfall abgehakt seit dem Bekennerbrief der ” Revolutionären Zellen” (RZ); der ungewöhnlich spät nach der Tat beim Szene-Blatt Pflasterstrand eintraf. Darin prangerten die Autoren Karry als Verantwortlichen für Atomkraft, Autobahnen und Startbahn West an. Karrys Tod sei ” nicht beabsichtigt, sondern ein Unfall” gewesen, schrieben sie. Man habe ihn nur verletzen wollen.
Zwei Jahrzehnte nach Karrys Tod schien die Terrorismus-Spur weiterzuführen. In Berlin standen ehemalige RZ-Mitglieder wegen anderer Taten vor Gericht. Der Kronzeuge in diesem Verfahren verdächtigte zwei Angeklagte, auch mit dem Mord an Karry zu tun zu haben. Nach einem Jahr blieben die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft ohne Ergebnis. Seitdem hat sich nichts mehr getan. ” Ein Mord verjährt nie” , teilt das Landeskriminalamt mit. ” Wir würden jederzeit, wenn es neue Anhaltspunkte gäbe, wieder Ermittlungen aufnehmen.”
Ronald E. Karry glaubt nicht, dass der Mord aufgeklärt wird. Er habe das von Anfang an geahnt. ” Ich war immer skeptischer als der Vater” , sagt er und lehnt sich tiefer in das Sofa: ” Er hat an das Gute im Menschen geglaubt. Ich mehr an das Schlechte.” Pitt von Bebenburg
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