Häuserkampf

Im Westend sah es schlimm aus damals. Überall verkommende, mit Brettern vernagelte Wohnhäuser. “Ein Stadtteil stirbt, damit aus ihm ein neuer, angeblich zeitgemäßer entstehen kann”, resümierte die Zeitung Publik. Grundsatz der Frankfurter städtebaulichen Entwicklung war der “Fingerplan”, der per baurechtlicher Befreiungen die Hochhaus-Entwicklung entlang der Ausfallstraßen vorsah. Besonders im zum City-Erweiterungsgebiet erklärten Westend: Hunderte von gutbürgerlichen alten Häusern waren an Investoren, die damals noch Spekulanten hießen, verkauft. Mancher erdachte eine Schikane nach der anderen, um Mieter aus Gebäuden zu treiben, die plötzlich allenfalls den Boden wert sein sollten, auf dem sie standen. Planungsdezernent Hans Kampffmeyer sprach von “privatwirtschaftlicher Erneuerung der Stadt”. Denkmalschutz gab es ebenso wenig wie das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum.

Hausbesetzer-Szene – Die Wurzeln der Sponti-Fraktion
Es war der Häuserkampf, der in den “wilden” siebziger Jahren in Frankfurt so manche Wohngemeinschaft zusammengeschweißt hat. Zumal die studentische Linke organisierte Hausbesetzungen am Fließband – Signale gegen die Grundstücksspekulationen im Westend, die vielfach nach dem gleichen Muster abliefen: Häuser wurden zuerst – nicht immer auf die sanfte Tour – “entmietet”, dann mit brachialer Gewalt unbewohnbar gemacht und schließlich mit dem Plazet der Römer-Bürokratie abgerissen.

Um den Kahlschlag zu stoppen, drangen Mitglieder des sogenannten “Häuserrates” nächtens in die leerstehenden und verbarrikadierten Häuser ein, die von der Abrissbirne bedroht waren. Die Initiatoren bezeichneten sich im Gegensatz zu den Parteigängern kommunistischer Gruppierungen wie dem KBW als “Spontis” – undogmatisch und unberechenbar.

Die Räumung des Hauses Kettenhofweg 51 löste 1973 eine Straßenschlacht mit der Polizei aus. Danach konzentrierte sich der Widerstand auf vier Häuser im Geviert Bockenheimer Landstraße / Schumannstraße, in denen mehr als 100 Besetzer wohnten.

Doch auch hier siegte – im Frühjahr 74 – die Ordnungsmacht, nachdem die Polizei zuvor Wochen lang einen regelrechten Psychokrieg entfesselt und “Scheinräumungen” inszeniert hatte. Es war die Zeit, als der damalige Polizeipräsident Knut Müller bei den Linken zum Inbegriff der prügelnden Staatsmacht wurde. Unter dem Motto “Gewalt hat einen Namen” wurden Plakate, die den PP als “Kapuzenmann” zeigten, aufgehängt.

Cohn-Bendit, Mitarbeiter in der Karl-Marx-Buchhandlung, kündigte in der FR an, er wolle das Bild für fünf Mark auf der Buchmesse verkaufen und so “die uneingeschränkte Meinungsfreiheit in diesem Lande zum Ausdruck bringen”. Zur “Sponti”-Fraktion passte auch ein Fußballspiel am autofreien Sonntag an der Hauptwache. In den Kampf um den Ball schaltete sich die Polizei ein und dabei soll Cohn-Bendit Widerstand geleistet haben. In der Berufungsinstanz wurde er freigesprochen. habe

Vor diesem Hintergrund zogen an jenem Freitagabend Studenten, “hippiehafte Jugendliche, Angehörige eines Filmkollektivs und anarchistische Sozialhelfer”, wie es der Genosse Til Schulz 30 Jahre später rekapituliert, in die Eppsteiner Straße 47. Die ausländischen Familien im Haus waren “kurz über den Plan der Besetzung unterrichtet” worden, den sie nach seinen Worten “durchaus begrüßten, da er eine Möglichkeit versprach, länger da wohnen zu können”. Legal, illegal, scheißegal: Die Besetzer sahen sich gegen “die Legalisierung riesiger Wohnraumvernichtung”, die man rundherum ausmachte, im Recht: Eigentum verpflichtet. Man begann, so der Beteiligte Schulz im Rückblick, “sogleich zu arbeiten. Zuerst wurden die Zähler kurzgeschlossen, dann wurde geschrubbt und gestrichen, wurden Fensterscheiben eingesetzt und sanitäre Anlagen repariert”.

Es war die Nacht von Freitag auf Samstag; “Stockwerk für Stockwerk ging das Licht an.” “Gegen vier Uhr”, so der Bericht der Polizei in ihrem Rapport vom 20. September 1970, war auch den Hütern des Gesetzes die Sache klar. Man hatte über die Vorgänge im Haus bei “regelmäßigen Streifen etwa jede Viertelstunde” Erkenntnisse gesammelt. Die Polizei versuchte dann, “die Initiatoren” des Vorgehens zu ermitteln, “damit der Hausherr Gelegenheit bekomme, Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zu erstatten”.

Entgegen einer Legende dieser Tage waren von den bekannten “Fünf Frankfurtern” der Linken nicht einmal vier dabei: Sowohl Joschka Fischer als auch KD Wolff, Matthias Beltz oder Johnny Klinke, so Til Schulz, seien abwesend, weil “gar nicht gut auf uns zu sprechen” gewesen: Die späteren Außenminister, Verleger, Kabarettist und Varieté-Direktor hätten “eher die Proletariatsschiene” befahren und “Aktionismus” abgelehnt.

Auch die FR hat am Tag nach der ersten bundesweiten Wohnraum-Aneignung das Wort besetzt erst einmal mit Gänsefüßchen versehen. Und nach Chronistenpflicht den Hauseigentümer Simon Preisler zu Wort kommen lassen: “Das ist der Anfang vom Ende! Keinesfalls kann ich es mir als Hausbesitzer gefallen lassen, dass man einfach mit Gewalt etwas besetzt, und zum Schluss soll ich noch den Stempel der Legalität druntersetzen!”

Eine Reihe Westend-Bürger hingegen stand nicht nur mit heißer Suppe hinter dem gewaltigen Zuzug der 20 neuen Nachbarn: “Wir begrüßen und unterstützen die Besetzung des Hauses Eppsteiner Straße 47,” ließ sich die Aktionsgemeinschaft Westend (AGW) in einer Erklärung hören. Der Ton war eindeutig: “Durch die Besetzung soll unmöglich gemacht werden, dass nur aus privaten Profit-Interessen ein zur Zeit sehr attraktives Viertel für die derzeitigen Bewohner unbrauchbar gemacht wird.” Nach Ansicht der Initiative aus dem Quartier, das in jener Zeit viele tausend Bürger verlor, litten nämlich “nicht nur die Bewohner des Westends unter der Umwandlung in ein reines Bürogebiet, sondern die ganze Stadt.”

Das bunte Völkchen aus der Eppsteiner hat sich dann nach der Schilderung von Til Schulz noch “am Abend des ersten Tages zur ersten Kollektivsitzung” getroffen. Nachdem aber einen Monat drauf “der Ausnahmezustand zum Alltag” geworden war, begannen die ersten Auseinandersetzungen. Zum Beispiel die ausländischen Familien, so die Selbstkritik von heute, “haben wir mit dem Kollektivgedanken überrollt”.

Doch der riesige Bau von 1904 steht – sogar unter Denkmalschutz. Vier von zehn Parteien, darunter Til Schulz, sind aus der Besetzer-Zeit auch 30 Jahre später geblieben. Die Eigentümerfamilie, so wird berichtet, habe das Haus später an die Stadt weitergereicht, die ihr darauf den Bau des Hochhauses am Blittersdorfplatz ermöglichte.

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