Nationalversammlung: Auch Frankfurterinnen revoltieren
Um die politischen Rechte der Frauen stand es schlecht in den Zeiten des Freiheitskampfes von 1848: “Sind euch auch die Kreise des öffentlichen Wirkens verschlossen und (seid) ihr auf eure stille Häuslichkeit angewiesen”, appellierte “ein Weib aus dem Volke” an den weiblichen Teil der nationalen Bewegung – “macht ihr es euch zur schönen Aufgabe, in den jungen Herzen eurer Kinder die glühende Liebe zur Freiheit anzufachen”.
Wem das nicht reichte, die hatte Gelegenheit, die Debatten der 597 Männer in der Paulskirche zu beobachten: als Zuhörerin auf einem der rund 200 Plätze der Damenloge. Dabei bewiesen die Besucherinnen, die dort auf der Empore meist von früh bis spät durchhielten, das “sicherste Ahnungsvermögen” (Veit Valentin) für die Brisanz der Debatten. Auch nach dem Bericht der Abgeordnetenehefrau Louise Zimmermann zeigte manche der Frauen dort oben “mehr Liebe, Ernst, klare
Besonnenheit und Treue für die deutsche Sache als die Männer des Parlaments”.
Einige wenige Namen sind in Frankfurt geläufig, wenn vom Einsatz der Frauen in revolutionärer Zeit die Rede ist. Die Reflektionen der Weinhändlersgattin Clotilde Koch-Gontard (1813-1869), der es “recht viel Mühe” machte, “die Küche als den Hauptschauplatz meiner Tatkraft anzusehen” und die täglich in den
Parlamentssitzungen Abwechslung suchte, lesen sich teilweise wie politische Episteln: “Die Politik ist immer noch garstig”, kommentiert sie im September 1848, “wird sich die Linke beruhigen, wenn sie in die Minorität kommt, nachdem sie die Majorität besessen bei der Sache?”
Annette Stoltze (1813-1840) hingegen, Schwester des Mundartdichters Friedrich Stoltze, hatte sich handgreiflich eingemischt ins aufständische Geschehen – sie darbte darum ab 1834 im Rententurm in Kerkerhaft und hat die Zeit der Nationalversammlung nicht mehr erlebt. Annette Stoltze war als 18jährige im “Frankfurter Frauenkomitee zur Unterstützung polnischer Flüchtlinge” und im “Versorgungskomitee für Frankfurter Gefangene” aktiv geworden. Bis heute wird ihr zugeschrieben, sie habe in Seifestücken kleine Sägen in die Haftzellen geschmuggelt, mit deren Hilfe sich die aufständischen Studenten des 1833 fehlgeschlagenen Wachensturms befreien konnten.
Auch die Frankfurter Schriftstellerin Bettine von Arnim, geborene Brentano (1785-1859), versuchte, Einfluss auf das Politikgeschehen zu nehmen. Beim “allergnädigsten König” erbat sie, die in Berlin verheiratete Mutter von sieben Kindern, am 29. Juli 1849 die Begnadigung eines “wegen revolutionärer Umtriebe” festgesetzten Gefangenen: “Kein Menschenblut soll mehr der rächenden Strafe geopfert werden!” Und listig fügt sie an: “Die Bitte für den Gefangenen um Gnade ist auch für das Gewissen des Königs – dass es hell und wolkenlos zum Himmel hinsteige.” Denn: “Dem Königsgewissen etwas aufbürden zu wollen, wer wagt das?”
1849, beim Frankfurter Septemberaufstand, hat nach den Recherchen der Historikerin Sabine Hock die Politik endgültig auch Frauen in Bewegung gebracht: Von den 3974 Personen, die anschließend verhört wurden, seien etwa 15 Prozent weiblich gewesen. Darunter war auch Henriette Zobel, die Frau eines Bornheimer Lithographen, die sich “vom Strudel der Ereignisse ins Verderben gerissen” sah. Henriette hatte nach den Ermittlungen des Gerichts “zur Tödtung des Abgeordneten von Auerswald aufgefordert”, und diesem, der nicht überlebte, mit ihrem Regenschirm “wiederholt auf den Kopf geschlagen”. Dafür saß sie 16 Jahre im Zuchthaus, davon sechs in Einzelhaft.
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