Frankfurter Küche – jeder Zentimeter wird genutzt
Kochen, Bügeln, Vorbereiten – alles in einem Raum: Für die von ihr entworfene Frankfurter Küche orientierte sich die Österreicherin Margarete Schütte-Lihotzky an Speisewagen. Den Rahmen für das Raumkonzept lieferten die Bauten ihres Architektenkollegen Ernst May.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sammelte der fortschrittliche Oberbürgermeister Ludwig Landmann einen Kreis engagierter Architekten um sich, die zwischen 1925 und 1930 das Gesicht und den Organismus der Stadt veränderten. “Ein warm empfindendes Herz für alle Menschen in Not” kennzeichnet die Architekten, die das “Neue Frankfurt” bauen. “Sie sind ohne soziales Empfinden nicht denkbar”, schreibt damals, in den bewegten Zwanziger Jahren, ihr Spiritus rector, der Frankfurter Hochbaudezernent Ernst May.
Maßstab ihres Handelns waren die Bedürfnisse der verarmten und unterversorgten Wohnbevölkerung. Die Zwangsbewirtschaftung der Kriegsjahre brachte eine Gewöhnung an staatliches Handeln auf dem Gebiet des Wohnungsbaus mit sich, die die Reformer ausnutzten. Ihnen voran Ernst May, der die kommunale Hauszinssteuer – eine Art Inflationsausgleich der Immobilienbesitzer zugunsten des weniger glücklichen Rests der Bevölkerung – entschlossen für den Wohnungsbau verwandte. Von Anfang an nahm er auch das Enteignungsrecht für die Stadt in Anspruch, denn das Ziel waren großräumige neue Siedlungen als Trabanten der Stadtbebauung.
Etwas Feldherrnmäßiges haftete dem Mann an, bis in die Diktion hinein (“die Innenstadt wird in natürlichen Grenzen arrondiert”). Entsprechend zahlreich waren seine Feinde, von den Schrebergärtnern bis zu den Völkischen. Nutznießer des neuen Bauens hingegen waren die Familien vieler Arbeiter und Stellungsloser, die in Siedlungen wie der Römerstadt oder dem Niederräder “Zick-Zackhausen” vier Wände fanden, die sie bezahlen konnten. Geplant war, von den Mietern maximal ein Viertel ihrer Einkommen zu verlangen. Die “Frankfurter Normen” verlangten dabei von den Wohnungen vieles, das für die Bewohner neu war, vor allem eine Trennung von Küche und Wohnraum.
- Margarete Schütte-Lihotzky
Die Östereicherin arbeitete seit 1922 als Architektin und ging 1926 nach Deutschland. Im Frankfurter Hochbauamt schuf sie unter der Ägide des Stadtplaners Ernst May die Frankfurter Küche, eine unter rationellen Gesichtspunkten durchgeplante Einbauküche auf kleiner Grundfläche. Schütte-Lihotzky starb im Jahr 2000 im hohen Alter von 102 Jahren.
Die Geburtsstunde der Frankfurter Küche schlug, die an Kriterien der Arbeitserleichterung orientiert und der Frauenemanzipation verpflichtet ist. Ihre Schöpferin Margarete Schütte-Lihotzky konzipierte sie nach dem Vorbild von Speisewagen-Küchen: Jeder Millimeter wurde genutzt, im selben Raum sollte alles in einem Schritt geschehen: Kochen, Bügeln, Vorbereiten. Die ergonomischen Modelle sollten der Hausfrau die Arbeit erleichtern. Wie viele von den Küchen, die für die Wohnhäuser von Ernst May entwickelt wurden, heute noch erhalten sind, ist nicht bekannt. Besonders gefragt sind sie bei der modernen Hausfrau nicht: Es ist kein Platz vorgesehen für Kühlschrank, Waschmaschine und Backofen. Deshalb gibt es nur noch wenige komplette Ausgaben.
Margarete Schütte-Lihotzky war Österreicherin, wie überhaupt die Mitarbeiter des gebürtigen Frankfurters May aus aller Herren Länder nach Frankfurt kamen und es zu einer Kulturhauptstadt Europas machten. Die bewegte Zeit endete mit dem Versiegen der Hauszinssteuer und den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Der Kongress “Die Wohnung für das Existenzminimum” von 1929, schon eine Reaktion auf die Krise, war Höhepunkt und zugleich Anfang vom Ende. Als Ernst May 1930 einen Auftrag zur Planung von Industriestädten in der Sowjetunion annahm, begleiteten ihn etliche Mitstreiter nach Moskau. In einer lebhaften Diskussion übten anwesende Siedlungsbewohner und Werkbündler Kritik an dem gleichgültigen Umgang der Stadt Frankfurt mit ihrem modernen Architektur-Erbe.
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