Der Dom brennt
Nach allem, was man so darüber weiß, hatte der preußische König Wilhelm I. seinen Frankfurt-Besuch am 15. August 1867 als Geste guten Willens und versöhnlich-diplomatischen Staatsakt angelegt. Zu befrieden gab es in der Tat einiges für den 70jährigen Monarchen: Im Juli des Vorjahres nämlich war von Wilhelms Truppen die damals noch souveräne Stadtrepublik erobert, okkupiert und dem preußischen Staatsverband einverleibt worden – seit dem Herbst 1866 war die Selbständigkeit endgültig perdu. Das einst so stolze, unabhängige Frankfurt firmierte nurmehr noch als Provinzkommune von Preußens Gnaden – und König Wilhelm war ihr Herr.
Als der Regent am besagten Augusttag zur Visite kam, war die Stimmung bei den neuen Untertanen indes noch viel schlechter, ja gedrückter als nach Lage der Dinge ohnehin zu erwarten gewesen wäre. Den Grund dafür konnte das aus Berlin angereiste Staatsoberhaupt kurz nach seiner Ankunft in Augenschein nehmen. Abweichend von dem seit langem ausgehandelten Besichtigungsprogramm musste Wilhelm an den Ort einer nächtlichen Katastrophe eilen: Stunden zuvor war der Bartholomäusdom abgebrannt. Zerstört hatte die Feuersbrunst ein Gebäude von nationaler Bedeutung: In der Kirche waren zwischen 1562 und 1792 zehn deutsche Kaiser gekürt und gekrönt worden.
Dass dieser auch in weltlicher Hinsicht sakrale Ort, ein Renommierstück der Frankfurter, ausgerechnet beim Besuch des Mannes in Schutt und Asche fiel, den viele Bürger als despotischen Zwingherrn schmähten, gab denn doch zu denken. Gerüchte kursierten, dass da Sabotage am Werk gewesen sei; Publizisten und Poeten sahen Symbolträchtiges im “Flammenmeer” (Frankfurter Zeitung). Weite Verbreitung fanden die Läster-Verse eines Anonymus, der das Parallgeschehen Wilhelm-Besuch/Dombrand so auf den Begriff brachte: “Vor dem Erobrer steigt das Flammenzeichen, er kommt, er steht und findet Schutt und Leichen.”
Zu den Fakten: Im zweiten Stock des Hauses “Zum Stoltzenberg”an der Ecke Fahrgasse/Garküchenplatz, in dem die Gaststätte “Müllersche Brauerei” Ausschank hat, bricht um 1 Uhr morgens am 15. August 1867 ein Feuer aus. Mehrere Frauen springen aus den oberen Fenstern, um sich vor der Lohe zu retten – zwei stürzen sich dabei auf dem Pflaster zu Tode. In der Ruine entdeckt man am Morgen noch die verkohlte Leiche eines Zapfjungen. Der “Stoltzenberg” stand lichterloh in Flammen, ein heftiger Ostwind trieb Funkenschwärme auf das Dach des benachbarten Kaiserdoms – in die Eulen- und Taubennester und auf die knochentrockenen Schnee-Auffangbretter.
Ein Feuersturm bricht los im Gebälk: Dachstuhl, Turm, Domschule, Orgel und Innenausstattung verbrennen, die Gewölbebalken sind durchgeglüht. Die zwölf Glocken bersten, schmelzen, verklumpen, stürzen in die Tiefe. Der Gehilfe des Turmwächters und ein Telegraphist – er bediente den elektrischen Feuermelder – kommen ums Leben. Glühendes Glockenerz fliegt über die Zeil, 17 weitere Gebäude fangen Feuer.
Die sichtlich erschütterte Preußen-Majestät sagte spontan Spenden für den Wiederaufbau zu: zehn Jahre lang 20.000 Gulden per anno. Außerdem sollte es nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 rund 13 Tonnen Metall für neue Glocken geben – von erbeuteten französischen Kanonen. Für ganz Frankfurt schien es Ehrensache, die Bartholomäuskirche wieder hochzuziehen. Zehn Tage nach dem Brand gründete man den Frankfurter Dombauverein, dem Vertreter aller Konfessionen beitraten: Lutheraner wie Georg Varrentrapp und Juden wie Mayer Carl von Rothschild. Eine Dombau-Lotterie lief, und schließlich wurde Franz Josef Denzinger aus Regensburg zum Dombaumeister berufen.
Der geriet bald in heftigen Streit mit dem Dompfaffen, dem seit 1870 amtierenden katholischen Stadtpfarrer Ernst Franz August Münzenberger. Man zankte sich um entscheidende Details der neuen Kathedrale: Münzenberger plädierte dafür, die Kirche mehr oder weniger so zu rekonstruieren, wie sie sich vorm Brand darstellte – Denzinger hingegen, der sich dann auch durchsetzte, wollte den alten Kreuzgang schleifen lassen und dem Dom (statt der Kuppel) eine 35 Meter lange Spitze aufsetzen.
Der Krach zwischen Architekt und Priester eskalierte im Laufe der Jahre so stark, daß dem Pfarrer von der städtischweltlichen Obrigkeit schließlich das Betreten der Baustelle verboten wurde. Die Aussperrung ging in Ordnung, denn die Kommune war, den Dotationsverträgen von 1830 und 1854 zufolge, Bauherr und Baulastträger für St. Bartholomäus. Die öffentliche Hand zahlte und hatte von daher auch Hausrecht in der Dombauhütte. Von Peter Holle
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Der Dompfaffe. Aha. Mal wieder das beliebte Kirchen-Bashing – so beweist der gute Journalist seine aufgeklärte Intelligenz. Bravo!