Patrizier


Den Beginn der Epoche des Frankfurter “Stadtadels”, wie die Patrizier auch genannt wurden, datieren Historiker auf das Jahr 1219. In diesem Jahr geschah für die Stadt Bedeutendes: Der damalige König und spätere Kaiser Friedrich II. gewährte den Bewohnern der Krönungsstadt in einer Urkunde mit dem Titel “universorum civium de frankinfort” die Bürgerrechte.

Die Stadt war mithin frei in der Gestaltung ihres Gemeinwesens. Im Stadtarchiv firmiert die Urkunde unter der Signatur “Privileg Nr. 1″. Bis Ende des 14. Jahrhunderts entwickelte sich die Emanzipation Frankfurts fort. 1372 war eine Verfassung fertig, die einen Stadtschultheiß als Vertreter des Königs vorsah. Nur in Krisenzeiten mischte sich der König in die Geschäfte der Stadt ein. Es wurde ein Rat mit 43 Sitzen als Vertretung der Bürgerschaft gebildet. Die Sitzordnung sah drei Reihen vor, wobei die wichtigsten die ersten zwei waren. Und dort saßen ausnahmslos Mitglieder der Patrizierfamilien. Die dritte Reihe war den Handwerkern vorbehalten.

Wie die Patrizier zu ihrer herausragenden Stellung in der Stadtpolitik kamen, wo also ihr Ursprung zu finden ist, haben die Historiker noch nicht zweifelsfrei klären können. Angenommen wird, dass Mitglieder aus Familien, die schon vor der Zeit des Stadtbürgertums über Einfluss verfügten, die Macht an sich zogen. Die Patrizier waren gebildete Leute, vermögende Grundbesitzer und Kaufleute. Adlige waren sie nicht. Einige, wie die Holzhausens aus Burgholzhausen kamen aus dem Umland nach Frankfurt.

Wie die Konzepte des Machterhalts den heutigen ähneln, macht das Beispiel der “Trinkstuben” deutlich. In diesen Treffpunkten der Patrizier, vergleichbar heutigen Parteizirkeln, wurde die Besetzung der ersten beiden Ratsbänke ausgehandelt. Die wichtigsten “Trinkstuben” waren die nach den Orten der Treffs benannten Alten-Limpurger und die Frauensteiner. Wer dort nicht mittun durfte, hatte keine Chance auf einen Platz im Rat.

Hamann von HolzhausenZwar gab es nie ein schriftlich niedergelegtes Erbrecht, an der Macht teilzuhaben, doch sorgten die Patrizier dafür, dass stets die eigenen Söhne (Frauen durften nur in den Stiftungen aktiv werden) nach dem Tod eines Familienmitglieds in den Rat einzogen. Die Familien bestimmten jeweils die Nachfahren anderer Familien und umgekehrt. Ein klassisches Beispiel ist der Stammbaum der Familie von Holzhausen, die vom 13. bis 18. Jahrhundert 16 Generationen hintereinander in den Rat brachte. Die Ratsmitgliedschaft galt auf Lebenszeit.

Die Herrschaften residierten in opulenten Stadthäusern, deren Namen sich unter anderem im Steinernen Haus in der Braubachstraße und dem Haus Grimmvogel am Liebfrauenberg erhalten haben. Bei der Einrichtung war das Beste gerade gut genug, wie der wertvolle Glauburg-Pokal beweist. Und auch beim leiblichen Wohl fehlte es an nichts. Davon zeugt etwa das “Augsburger Monatsbild” aus dem 16. Jahrhundert, das ein Patrizier-Gelage zeigt.

Flexibilität im politischen Handeln bewiesen die Herrschenden während der Reformation. Wie man zunächst dem Katholizismus treu ergeben war, huldigte man später dem Reformator Martin Luther. Auf seiner Durchreise nach Worms wurde Luther in Frankfurt begeistert empfangen. Prompt fand auch das umfangreichen Kultur- und Kunstmäzenatentum ein Ende. So waren die Patrizier noch Anfang des 16. Jahrhunderts bei der Ausmalung des Karmeliterklosters durch Jörg Ratgeb als Stifter in Erscheinung getreten. Auch der Dominikanerorden wurde mit Stiftungsgeldern bedacht.

Auf den gesellschaftlichen Weitblick der Patrizier gehen die Gründung der Stadtbibliothek, der heutigen Uni-Bibliothek, des städtischen Gymnasiums, Ursprung von Lessing- und Goethe-Gymnasium, sowie des Almosenkastens zurück.

In der späten Blütezeit des Patriziertums im 16. Jahrhundert wurden erste Anzeichen des Niedergangs sichtbar. Wie in allen Epochen kam Hochmut vor dem Fall. Die ehrenwerte Gesellschaft verwehrte erfolgreichen Kaufleuten, die sich in der Stadt niedergelassen hatten, die Aufnahme in den Rat. So spaltete sich die Bürgerschaft. Die Wut über die Arroganz der Patrizier führte 1612 bis 1614 zum Aufstand, den der Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch anführte.

Ergebnis des Konflikts war der Bürgervertrag von 1612 / 13, der die Zahl der Patrizier-Sitze im Rat begrenzte und ein Ende mit der Erbmitgliedschaft machte. Fortan sollten die Ratsmitglieder nach “eigenen meriten” gewählt werden. Dennoch verlangten die Ratsherren noch 1743, als “Wohl und Hoch-Edelgeborene, Gestrenge, Hoch-Edle, Veste und Hochgelehrte, Wohlfürsichtige, Hoch- und Wohlweise, Großgünstige und Hochgebietende Herren” angeredet zu werden.

Am Ende setzte sich dann die leistungsorientierte Juristen- und Medizinerzunft – die “Graduierten” – gegen den alten Stadtadel durch. Das Aus der Patrizier-Vorherrschaft besiegelte am 18. Juli 1816 die Constitutions-Ergänzungsakte, das neue Stadtgrundgesetz: “Die Geburt gibt kein Vorrecht und keinen Anspruch auf Rathsstellen.” Geblieben sind neben den Nachkommen der Geschlechter und den alten Patrizierhäusern eine Reihe von Stiftungen, unter anderem die Cronstett- und Hynspergische Evangelische Stiftung. Von Martin Müller-Bialon

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