Der Mittelpunkt des Frankfurter Tuns und Treibens
Von allen den ehemaligen freien Reichsstädten hat die blühende Mainstadt Frankfurt in jeder Umwandlung der deutschen Verhältnisse eine wichtige Stellung behauptet, und ist auch jetzt, als Sitz der deutschen Bundestagsversammlung die erste der vier freien Städte des deutschen Bundes. Sehenswerth und bedeutend durch Handel, Gewerbefleiß, Reichthum und schöne Umgebungen, liegt Frankfurt am rechten Ufer des Mains in einem weiten, anmuthigen Thale, in welchem sich lebhafte mit Bäumen bepflanzte Kunststraßen in allen Richtungen durchkreuzen, und auf jeden Schritt ein anderes wechselndes Bild von glänzenden Landhäusern, blühenden Gärten, reichen Kornfeldern und Weinbergen darbieten.
Eine stattliche steinerne Brücke verbindet die Vorstadt Sachsenhausen am linken Mainufer mit der eigentlichen Stadt, welche vor Zeiten Festungswerke und enge finstere Thore hatte; jetzt sind die Wälle niedergerissen und geebnet, theils mit schönen Häusern und Straßen besetzt, theils nebst den ausgetrockneten Gräben zu Anlagen im englischen Geschmack verwendet. Eiserne Gitterthore bilden den Eingang in die Stadt, neben welchen nette Wach- und Zollhäuser erbaut sind, und Alles trägt den Charakter der Freundlichkeit und Zierde.Im Innern der Stadt, die wohl gepflastert und zum Theil sehr gut mit Gas erleuchtet ist, bilden die engen finstern Straßen und die alten dunkeln mit den sonderbarsten Verzierungen und thurmartigen Giebeln verzierten Häuser aus der Vorzeit einen auffallenden Gegensatz mit den pallastähnlichen neuern Gebäuden, die man an den öffentlichen Plätzen und besonders an der sogenannten „belle vue“ (schöne Aussicht) am Main findet.
Einer der wichtigsten Punkte dieser Stadt macht unstreitig der sogenannte Römerberg, dessen Ansicht wir unsern Lesern heute darbieten, aus, welcher seinen Namen von dem ungefähr in der Mitte liegenden Rathhause, der Römer1 erhalten hat. Auf allen seinen Seiten von alterthümlichen Gebäuden umgeben, mit einem Brunnen, mit der Bildsäule der Gerechtigkeit geziert, ist dieser Platz der eigentliche Mittelpunkt des Frankfurter Thuns und Treibens, und gibt, zuvorderst das vortheilhafteste Bild von der reichen Bevölkerung der Stadt, indem sich zugleich die wichtigsten Erinnerungen der Vorzeit an denselben knüpfen.
Hier pflegte vor Zeiten, wenn der Tag der Kaiserwahl herankam, die sämmtliche Bürgerschaft den herkömmlichen Eid abzulegen. Von hier aus begaben sich am Wahltage selbst die Kurfürsten und ihre Gesandten, die sich in ihrem Galawagen auf dem Römer versammelt hatten, zu Pferde im feierlichen Aufzuge nach der Domkirche, um dem Hochamt beizuwohnen, und in der dazu bestimmten Kapelle, den Kaiser zu wählen. Hier empfing das zahllos versammelte Volk am Krönungstag den neuerwählten Kaiser mit Jubelgruß, wenn er mit Zepter und Krone in feierlichem Zuge über den mit bunten Teppichen belegten Platz aus der Domkirche herankam, oder sich in vollem Ornate an den Fenstern des Kaisersaals dem Volke zeigte. Auf dem Römerberge lag der Hafer aufgeschüttet, aus dem der Erbmarschall sei silbernes Maß füllte, und von hier brachte der Erbkämmerer dem Kaiser das Handbecken. Hier streute der Erbschatzmeister Gold= und Silbermünzen aus reichgestickten Beuteln vom hohen Rosse unter das Volk, und hier war der doppelte Springbrunnen aufgerichtet, aus welchen der Reichsadler aus seinen beiden Schnäbeln weißen und rothen Wein ausgoß, wie die Bratenküche, worin der Ochse tage lang gebraten wurde, und der Erbschenk hohlte von dem Weine für den Kaiser, während der Erbtruchsaß demselben das erste Stück des Ochsenbratens auf einer silbernen Schüssel darreichte. Dann wurde Wein und Ochse dem Volke preisgegeben, und gewöhnlich entstand nun ein heftiger Kampf um den Ochsen unter den Metzgern und Weinschrötern. Die letztern haben an dem vergitterten Giebelfenster ihres nächste der St. Nikolaus=Kirche gelegenen Zunfthauses zwei gehörnte Stierhäupter als Wahrzeichen des Sieges aufgestellt, welchen sie in ähnlichen Kämpfen davon getragen haben. Auf diesem Platze huldigten früher die Bürger dem Kaiser, und hier schwuren sie 1816 an der dritten Jahresfeier der Schlacht von Leipzig ewige Treue.
Zur Meßzeit ist der ganze, sanft aufsteigende Römerberg, dessen belebte Lage vorzüglich von den Verkäufern gesucht wird, mit hölzernen Buden bedeckt, und bildet mit dem gleichfalls mit Waaren aller Art erfüllten unteren Hallen des Römers, ein höchst belebtes Bild.
Dieses letztere Gebäude, aus mehreren einzelnen Häusern von der verschiedenartigsten Bauart bestehend, stellt ein gar sonderbares, im Innern zum Theil labyrinthisches Gemisch dar, und hat durchaus keine Einheit und eigentlichen Zusammenhang. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts erstand nämlich der Rath das mittlere Hauptgebäude, zum Römer genannt, von der Familie Kölner, und ließ dasselbe zum Rathhause einrichten; wie aber in der Folge ein größerer Raum nothwendig wurde, kaufte man mehrere Nachbarhäuser dazu, und verband selbe nothdürftig mit einander. Der vordere Theil des Römers mit seinen zwei eigenthümlichen Treppengiebeln enthält im Erdgeschosse gewölbte, auf Pfeilern ruhende Hallen, in welcher zur Meßzeit Waaren ausgestellt werden. Oberhalb derselben befindet sich der lange, ziemlich düstre Kaisersaal mit gewölbten hölzernen Decken, und längs den Wänden mit den Bildnissen der deutschen Könige und römischen Kaisern, von Konrad I. an, in gothisch zugespitzten Nischen geschmückt. In diesem Saale pflegten die neugekrönten Kaiser in vollem Ornate auf Thronstufen und von 33 Reichsgrafen bedient, zu speisen, und in der Herbstmesse wurde hier alljährlich das sogenannte Pfeifergericht gehalten, wo die Abgeordneten mehrerer vom Meßzoll befreiter Städte, unter Vortritt von Musikanten (Pfeifern) im komisch stattlichen Aufzuge erschienen, um den Schultheißen um die Erneuerung ihrer Zollfreiheit anzusuchen, und ihm allerhand kleine Geschenke – hölzerne Becher, Handschuhe, Pfeifen, 1 Goldgulden, andere kleine Münzen u. s. w. – darzubringen.
An dem Kaisersaal stößt das stattliche, und mit den kostbarsten Verzierungen geschmückte Wahlkonferenzzimmer der Fürsten und ihrer Bothschafter, worin sich gegenwärtig der Senat zu seinen Sitzungen versammelt. Das Deckengemählde mit dem kaiserlichen Wappen ist von Colomba, dessen Pinsel auch die Haupttreppe, den Vorsaal und das Rondell verschönerte. In dem Fußboden bezeichnen die mit verschiedenen Holzarten eingelegte Wappen die Stellen, auf welchen die Churfürsten bei den Wahlen nach der eingeführten Ordnung saßen. In dem Archiv des Römers wird die berühmte goldene Bulle Kaisers Karl IV. aufbewahrt. Dieses Reichsgrundgesetz besteht aus 43 Pergamentblättern, mit seidenem Faden zusammengeheftet, an welchem in einer Kapsel das mit Goldblech überzogene kaiserliche Majestätssiegel, die eigentliche goldene Bulle ( bulla aurea ) angehängt ist.
Die St. Nikolaus=Kirche am untern Ende des Römerberges zeichnet sich durch eine ganz eigenthümliche Bauart aus. Das Hauptgebäude, aus dem 13ten Jahrhundert herstammend, hat zunächst des Daches, eine ziemlich sonderbare, vielleicht einer spätern Zeit angehörige, gesimsartig hervorstehende Einfassung, einen Umgang und 3 Thürmchen an den Ecken. Die Einfassung und das mittlere Thürmchen sind von rothem Sandstein in gothischem Geschmacke sehr nett und zierlich gearbeitet. Hinter demselben erhebt sich das spitze Dach der Kirche, in dessen innerm Raume sich die Wohnung des Thürmers befindet. Der untere viereckige Theil des Thurmes scheint noch älter als das Hauptgebäude, und etwa dem 12ten Jahrhundert anzugehören, während der obere achteckige Theil des Thurmes erst um das Jahr 1350 gebaut wurde, und die hölzerne mi Blei belegte Aufsatzspitze aus einer noch spätern Zeit herrührt. Diese Kirche dient seit 1813 zu einer Waaren=Niederlage.
- Man leitet diesen Namen von dem Umstande her, daß im Mittelalter die italienischen Kaufleute ihre Waaren-Niederlagen in diesem Gebäude zu haben pflegten.
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