Winter ‘63 – der Main friert zu
Von: Fred Kickhefel | Abgelegt unter: 20. Jahrhundert, Main
“Es ist kurz vor Fastnacht. Die Welt steht kopf.” Kollege Rudi Appel, der diese Zeilen am Samstag, dem 19. Januar 1963, im Lokalteil der FR schreibt, bezieht sich damit auf das närrische Wetter-Treiben dieses Winters. Seit fast 20 Jahren – genauer gesagt: seit 1946/47 – hat Väterchen Frost Europa, Deutschland und damit Frankfurt nicht mehr so erbarmungslos im Griff gehabt.
Schon Mitte November, am Buß- und Bettag 1962, hatte es begonnen, mit Minustemperaturen und starken Schneefällen. Mochten es die Frankfurter noch genossen haben, dass sie – seltenes Ereignis – an Weihnachten und Silvester in der Stadt durch knöcheltiefen Schnee stapfen konnten, so werden sie in der Monatsmitte die Dauerkälte langsam leid. Fast im Wortsinne Gradmesser dafür ist der Lokalteil der FR. Am Samstag, dem 12. Januar, beschäftigt er sich erstmals im neuen Jahr mit dem Thema – noch als Zweispalter auf Seite 2 und mit allgemeinen Betrachtungen etwa darüber, dass viele Menschen bei minus 15 Grad Dauerfrost in schlecht isolierten Nachkriegs-Wohnungen frieren.
Am 14. Januar ist das Thema dann schon auf die lokale Seite 1 gerückt – und hier wird es bis einschließlich 27. Januar bleiben. Ein vierspaltiges Foto zeigt Packeis, das vor der nördlichen Mainfront vorbeitreibt. Zudem wird von der bisher schärfsten Frostnacht dieses Winters berichtet – mit bis zu minus 27 Grad!
Nach weiteren Schneefällen am Montag berichtet die FR am Dienstag, 15. Januar, über die Kosten, die dem Räumdienst der Stadt entstehen: Schon rund eine halbe Million Mark wurden verbraucht, den Flughafen kostet es täglich rund 15.000 Mark. Wem das heute als “Peanuts” erscheint, sei darauf hingewiesen, dass in derselben Ausgabe ein vier Jahre alter Porsche für 7900 Mark angeboten wird; eine Dreizimmerwohnung im Westend kann man für 310 Mark im Monat mieten.
Die lokale Schlagzeile des nächsten Tages ist ein Zungenbrecher: “Männer im Forst kämpfen mit dem Frost”. Unter der Überschrift “Notschrei nach Kohleträgern” ist darunter zu erfahren, dass Brennstoffhändler schon frühmorgens vor dem alten Bunker am Ostbahnhof stehen, um Obdachlose, die dort Nachtquartier gefunden haben, als Hilfskräfte abzugreifen.
Der Aufmacher vom 17. Januar vermeldet, dass starke Schneefälle den Berufsverkehr am Vortag lahm gelegt haben. Erstmals wird auch die sich steigernde Dramatik der Lage erkennbar: Nachdem man eine alte Frau aufgefunden hat, die in ihrer Wohnung erfroren ist, startet die FR die Aktion “Helft alten und kranken Menschen”. Der Appell gilt vor allem Jugendlichen, Brennmaterial aus den Kellern zu holen.
In der Ausgabe von Freitag, 18. Januar, erscheint die Warnung der Stadt, die zehn Zentimeter dicke Eisschicht auf dem Main zwischen Friedensbrücke und Untermainbrücke nicht zu betreten. Zwei Schulen müssen wegen Mangels an Heizmaterial geschlossen werden. Ein neues Problem wird erkennbar: Anfang der 60er Jahre hat in der fast 700.000 Einwohner zählenden Mainstadt in vielen Haushalten die Umstellung von Kohleöfen auf das pflegeleichte Heizöl begonnen.
Die Logistik ist für einen solch strengen Winter, in dem in einem normalen Haushalt täglich rund zwölf Liter Öl verbrannt werden, noch nicht bereit. Es gibt kaum Pipelines von den Küstenhäfen in die Städte, keine großen Lager. Viele Menschen haben noch keinen Heizöltank im Keller, sondern besorgen sich den flüssigen Brennstoff kannenweise bei ihrem Händler. Nun wird das Öl erkennbar knapp. Glücklich, wer sich in seiner Wohnung sicherheitshalber wenigstens in einem Zimmer noch einen Kohleofen bewahrt hat. Bundeswehr und US-Army fahren in Tanklastwagen Heizöl heran, aber das reicht gerade für die Versorgung von vorrangigen Objekten wie Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen.
Die Ausgabe der FR vom Samstag, dem 19. Januar, zeigt ein vierspaltiges Foto von Spaziergängern auf dem nun massiv zugefrorenen Main. Die Schlagzeile darunter: “Würgegriff des Frostes mit jedem Tag enger”. Sieben Schulen sind inzwischen geschlossen, in der Stadt hat ein Run auf Elektroheizgeräte und Pelzstiefel eingesetzt. Die ersten Bürger kaufen teuren Dieselkraftstoff als Heizölersatz. Im Taunus ist die Schneedecke 60 Zentimeter dick, das Thermometer fällt dort nachts auf bis zu minus 34 Grad. Meteorologen verkünden dennoch, dass der “Rekordwinter” nach 1881, der von 1939 auf 1940, nicht erreicht wird – damals konnten Lastwagen über den Main fahren.
Das Wochenende bringt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Im Taunus herrschen geradezu paradiesische Wintersportbedingungen. Die schlechte: Inzwischen müssen auch mehrere Frankfurter Hotels aus Heizölmangel schließen, elf Schulen sind nun dicht. Frankfurts Krankenhäuser sind mit Grippepatienten überfüllt, auch viele Pfleger hat das Virus gepackt. Tags drauf ist auch der Rhein zugefroren, Spaziergänger überschreiten den Fluss in Höhe der Loreley.
So kalt kann es gar nicht sein, als dass St. Bürokratius nicht sein Unwesen treiben würde: In der Ausgabe vom 23. Januar deckt die FR einen Skandal auf: Während dringend Transportkapazität für Kohle und Heizöl aus dem Ruhrgebiet benötigt wird, stehen in Frankfurt Hunderte von Lastwagen nutzlos herum. Grund: Sie gehören Fuhrunternehmen, die nur eine Lizenz für den 50-Kilometer-Radius um Frankfurt haben. Ausnahmegenehmigungen dauern bei den Regierungspräsidien tagelang.
Donnerstag, 24. Januar: FR-Reporter Richard Wachter begleitet einen Öl-Transport der Bundeswehr von Duisburg nach Frankfurt. In ihrer eiskalten Wohnung hat man eine alte Frau gefunden, die die letzten drei Wochen weitgehend im Bett verbracht hat. Ernährt hat sie sich von restlichem Weihnachtsgebäck. Dennoch: Ist es das Licht am Ende des Tunnels? Die Meteorologen kündigen für die nächsten Tage vergleichsweise “frühlingshafte” Temperaturen an: “Nur” noch zwischen drei und zehn Grad minus .
In der Stadtverordnetenversammlung berichtet Oberbürgermeister Werner Bockelmann, dass der Heizstoffmangel in Kürze beseitigt sei. So sind sie, die Journalisten: Kaum sind die Temperaturen ein bisschen weniger grimmig, ist statt Katastrophenstimmung Idylle angesagt. Den Lokalteil ziert das Foto eines typisch süddeutschen Holzhauses, das noch heute an der Straßenbahnhaltestelle Niederursel steht; Unterschrift: “Oberbayern in Frankfurt”. FR-Reporter Lothar Vetter besucht eine im Eis des Osthafens eingeschlossene holländische Schifferfamilie und fährt mit dem Eisbrecher “Taunus” auf dem Main.
Montag, 28. Januar: Es ist geschafft – der erschlaffende Winter kann sich nicht mehr auf der ersten Lokalseite der FR halten, er muss dem Sportpressefest in der Festhalle weichen. Lediglich auf Seite 2 findet sich ein Foto vom Eisbären im verschneiten Frankfurter Zoo. Na also: “Main aus dem Winterschlaf erwacht”, heißt es in der Ausgabe vom Dienstag, dem 29. Januar. Bei anheimelnden Temperaturen um den Gefrierpunkt treiben die aufgebrochenen Eisschollen den Main hinunter. Zwar warnen die Meteorologen, dass zum Wochenende der Winter zurückkommen könnte, mit neuen Schneefällen und Temperatur bis minus 20 Grad, aber das wird dann nur noch ein letztes Aufbäumen, immer wieder unterbrochen durch Zufluss milder Meeresluft. Am Fastnachtssonntag, 24. Februar, sucht zwar noch mancher Narr Wärme in der Flasche, aber wer Schnee sehen will, der muss sich schon in den Hochtaunus begeben.
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