Der Hund am Fallschirm
Montags, den 3. Oktober 1785, füllte ich den Ballon mit brennbarer Luft in einem Turme von Brettern, der eigentlich dazu errichtet war, um diesen Ballon vor den Windstürmen zu sichern (…) Alle (zur Verfertigung der brennbaren Luft) nötigen Materien, die ich mit vieler Sorgfalt mit nach Frankfurt brachte, hatte ich verbraucht, so dass es mir unmöglich war, in dieser Stadt andere dergleichen in genugsamer Menge zu finden, um meinen Ballon gänzlich zu füllen, der also, aller von mir dabei angewandten Vorsicht ungeachtet, nur auf zwei Drittel angefüllt werden konnte, welches dem Herrn Schweitzer, Offizier in Königl. französ. Diensten. das Vergnügen raubte, mich begleiten zu können, der dies umso mehr bejammerte, da er deswegen schon lange voll heißer Begierde war.
Um 10 Uhr 36 Minuten wünschte er mir, unter leidmütiger Betrachtung seines Platzes in dem Luftwagen, glückliche Reise, und verließ ich diese sehr große und weite Ebene, wo die Franzosen einst ihren Wert bezeichneten bei der Schlacht von Bergen. Eben dieses Feld1 wählte ich, das ihr Blut noch ausduftet, welches sie für die Erhaltung der Stadt Frankfurt vergossen — und — ich erhob mich von diesem Boden, und nahm 40 Pfund Ballast, eine Bouteille sehr guten Wein, zwei Milchbrote mit. Der Wind war Nord-Ost und ziemlich stark; der Himmel war überall ganz bedeckt, und der Barometer stand eine Linie unter: veränderlich. Eine Gewichtsentledigung von 12 Pfund brachte mich in drei Minuten ungefähr 2000 Schuh hoch von der Erde. Während dieser Auffahrt stieg ich auf den äußersten Rand meines Luftwagens, salutierte mit meiner Fahne die unzählbare Menge der frohen Zuschauer, deren beifallig zurufende Glückwünsche von allen Seiten widerhallten.
Als ich zum Gleichgewicht kam, das ich notwendigerweise erreichen musste, ließ ich meinen Fallschirm und meinen Hund in die freie Luft los, der sogleich sich entfaltend ausdehnte, und das so in der Atmosphäre schwebende Tier möglichst langsam auf das Bockenheimer Feld, ungefähr eine Viertelstunde von der Stadt, niederbrachte. Kaum hatte ich mich dieses Ballastes entledigt, so kam ich stracks 4000 Schuh höher. Bei 6000 Fuß hoch war ich von der Erde, als ich drei Kanonenschüsse hörte, die Sr. Hochfürstl. Durchlaucht der Herr Landgraf von Homburg bei meiner Vorüberfahrt zu lösen befohlen hatte: Ich nahm mein Fernrohr und unterschied sehr gut die Stadt Homburg vor der Höhe, vier Stunden von Frankfurt; ich ließ mich sogleich etwas nieder, um antwortend mit meiner Fahne zu salutieren, ich war sogar willens, da ich ohnehin nur eine kleine Spazierfahrt zu tun mir vorgenommen hatte, daselbst meine Reise zu endigen.
Als ich aber eine mit Waldung gezierte Kette von Gebirgen vor mir bemerkte, erhob ich mich wieder, in der Entschließung, um darüber hinzusegeln einen Versuch zu machen. Der Barometer stand auf 21 Zoll und neigte sich sinnig nach dem Maße, je nachdem ich weiter auf das Gebirge kam; aber in diesem Standpunkte bleib er, bis ich darüber hin war, wo er alsdann seinen vorigen Elevationsgrad wieder nahm. da der Himmel gänzlich bedeckt war und ich weder Erweiterung noch Zusammendruck, auch keine Elevationsveränderung wahrgenommen hatte, so bewies mir dies, dass ich dem Profile des Gebirges ganz regulär gefolgt sei.
Der Himmel trübte sich mehr und mehr und meine Luftkugel befand sich bis ungefähr auf den Durchmesser in den Wolken; ich reiste auch in einer gelinden Temperatur bei einem Südostwind: dann bei dieser Elevation (die nach meinem Barometer 6500 Fuß von der Erde war) differierte der Luftstrom. Nicht weiter wollte ich nun in die Wolken gehen, um mich nicht dem Gesicht der mich beobachtenden Menschen zu entziehen. Ich hörte sehr deutlich den Klang der Glocken, die Flintenschüsse, und konnte mit meinem Teleskope Dörfer und Städte sehr genau unterscheiden, über welche ich hinsegelte.
Lesen Sie auch:
Diesen Artikel drucken

Einträge
Wir Unterzeichnete bezeugen, dass der 25. Tag dieses Monats so stürmisch war, dass Herr Blanchard, der seinen 15. Aeronautischen Versuch auf diesen Tag angekündigt hatte, sich genötigt fand, solchen unter Verhoffung stillerer Witterung, auf den andern Tag anzusetzen: Sturm und Regen aber vermehrten sich vielmehr dergestalt, dass gegen Abend die Zelte umgeworfen und zerrissen worden, die Umfassung auch zum Teil nämliches Schicksal litt, so dass es unserem Aeronauten unmöglich war, den Versuch auszuführen. Wir selbst bewogen ihn, solchen auf eine andere Zeit als jene des Äquinoktii, auszusetzen, da Wir ihm vorstellten, wie sehr uns an seinen Lebenstagen gelegen wäre.
Aber das Verlangen so Herr Blanchard hatte, der ganzen, mit Fürsten, Herren und so vielen Fremden angefüllten Stadt, die von allen Enden dieser wegen hierher gekommen waren, Genüge zu leisten, trieb ihn an, den Versuch am 27. vorzunehmen, wo die Witterung sich gut anzulassen schien, und so widersetzen wir uns dann seinem Eifer nicht. Um 9 Uhr morgens, ungeachtet der Wind sich erhob, fing man die Operation an; er vermehrte sich aber dermaßen, dass man alle Mühe von der Welt hatte, die brennbare Luft in den Ballon zu bringen. Die einander folgenden Windstürme waren so heftig, dass der Ballon, der von Ort zu Ort vom untern Pole riss, über hundert Personen, die ihn aufhalten wollten, mitschleppte.
Und doch kam’s dazu, dass er, ungeachtet des Sturms, genugsam angefüllt ward, um drei Personen zu tragen. Um 1 Uhr stiegen Sr. Durchl. der Prinz Ludwig Friedrich von Hessen-Darmstadt, die schon lange verlangten, mit Herrn Blanchard eine Luftreise zu tun, ungeachtet aller Vorstellungen, die man Sr. Durchl. wegen den Gefahren des Sturms tat, und die nicht vermögend waren, den unerschrockenen Mut dieses Prinzen zu schwächen, in das Schiff und setzten sich ganz ruhig an die Seite des Herrn Schweizers, Offizier des Dragoner-Regiments Schomberg, der auch mit von der Reise war.
In dem Augenblick, da Herr Blanchard seinen Ballast berechnete und sich unter all unseren Glückwünschen zur Abreise schickte, erhob sich ein so schrecklicher Sturm, der den im herrlichsten Anblick sich zeigenden Ballon von oben bis unten zerriss; die Telle der so häufig entfliehenden brennbaren Luft ward sogleich von der atmosphärischen eingenommen, dass man gerade noch so viel Gewalt anwenden musste, um alles aufzuhalten.
Obwohl Herr Blanchard mehr als eine Stunde vorher über diesen traurigen Vorfall sein Befürchten uns zu erkennen gab, so fiel er doch auf den Schreck in eine Ohnmacht, so dass man ihn aus dem Schiffe hob und in unsere Mitte brachte, wo wir ihm allen uns möglichen Beistand leisteten, der in unserem Vermögen war (…) Er hat uns erklärt, dass er den Ballon aus Calais in gutem Zustande mit nach Frankfurt gebracht habe; womit er kommenden Montag, den 3. Oktober, seinen Vesuch wiederholen will.
Frankfurt, 27. September 1785
Wir Unterzeichnete erklären, den Herrn Blanchard um 11 Uhr 15 Minuten über uns hinfahren gesehen zu haben, wo es uns schien, als wolle er wirklich in unserer Stadt niedersteigen.