Bald ist es auch hier vorbei mit dem Frieden

Ich war eben jetzt recht besorgt um Dich und die Deinen, da ich mir einbildete, dass Deine Gegend in den letzten Tagen zum Kriegschauplatz geworden. Gott sei Dank, dass dies nicht der Fall ist, und dass Du vielmehr, wie Du schreibst, in Hattenbach wie im tiefsten Frieden lebst. Hier sieht es freilich anders aus, und wenn man für den Augenblick auch noch in seiner Häuslichkeit den Frieden findet, der bei der bevorstehenden Einquartierung wohl auch bald gefährdet ist, so macht sich doch auf den Straßen der Krieg sehr wohl bemerklich. Vor dem Englischen Hof [am Roßmarkt], wo der hessische Divisionär General Frey, wohnt, steht allerlei Kriegsfuhrwerk aufgefahren, Ordonnanzen kommen und gehen, württembergische Artillerie rasselt durch die Straßen, um unten am Grindbrunnen inspiziert zu werden, hessische Chevaulegers sprengen hin und her, württembergische und bayerische Soldaten außer Dienst lassen sich in Droschken durch die Stadt fahren, um sich dieselbe in bequemer Weise zu besehen. Dazu die aufregenden Neuigkeiten unserer Zeitungen und Lokalblätter, meist mit einer Sauce des gemeinsten Hohns und hirnloser Schimpferei übergossen, nicht selten auch mit perfider Hetzerei gewürzt, dann die zahlreichen Gruppen fragender und erzählender Menschen auf Straßen und Plätzen und die stereotypische Frage eines jeden Begegnenden: “Was gibt’s Neues?”, wobei sich dann natürlich herausstellt, dass die Neuigkeit vom Frühstück her um die Mittagszeit schon 100 Jahre alt geworden.

Brief an Carl von Lepel, 20. Juni 1866

Lesen Sie auch:

  • Freak und Frieden: Die bewegten Achtziger Die Kabarettisten Matthias Beltz, Hendrike von Sydow und Dieter Thomas...
  • Hier zählt nichts als Geld und Wechselkurs Die neue Stadt Frankfurt kam mir vor wie eine große...
  • Der Freitod des Bürgermeisters In der Nacht, wohl um 2 Uhr, verließ er sein...
  • Damast aus Paris, Tapeten aus Holland Urkundlich blüht die Messe erst seit 1240, wo Friedrich II....
  • Preußische Provinzstadt Frankfurt Hufe klappern über Kopfsteinpflaster. Ein Pferdeomnibus fährt Sonntagsausflügler zum Oberforsthaus,...
  • Frankfurt hat weder Vergangenheit noch Zukunft Ehe ich von hier abreiste, hatte ich mir ordentlich einen...
  • Deutscher Krieg Unter dieser Bezeichnung ist die siebenwöchige militärische Auseinandersetzung zwischen...
  • Ich lief alle Nachmittage zu ihr Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich fürchtete,...
  • Das wird Effekt machen! Sie war, wäre sie auch nicht die Mutter dieses großen...
  • Pünktlich zum Besuch Wilhelms I. brennt der Dom nieder Ein majestätischeres Schauspiel ist wohl lange nicht mehr gesehen worden...

  • Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken
    Hintergrund: Im Deutschen Krieg von 1866 stehen sich die Bundesgenossen Preußen und Österreich feindlich gegenüber. Frankfurt spielt als Sitz des Bundestages eine zentrale Rolle in dieser Auseinandersetzung - und setzt aufs falsche Pferd. Mehr dazu...
    Tags:

    Kommentar schreiben