Bald ist es auch hier vorbei mit dem Frieden
Ich war eben jetzt recht besorgt um Dich und die Deinen, da ich mir einbildete, dass Deine Gegend in den letzten Tagen zum Kriegschauplatz geworden. Gott sei Dank, dass dies nicht der Fall ist, und dass Du vielmehr, wie Du schreibst, in Hattenbach wie im tiefsten Frieden lebst. Hier sieht es freilich anders aus, und wenn man für den Augenblick auch noch in seiner Häuslichkeit den Frieden findet, der bei der bevorstehenden Einquartierung wohl auch bald gefährdet ist, so macht sich doch auf den Straßen der Krieg sehr wohl bemerklich. Vor dem Englischen Hof [am Roßmarkt], wo der hessische Divisionär General Frey, wohnt, steht allerlei Kriegsfuhrwerk aufgefahren, Ordonnanzen kommen und gehen, württembergische Artillerie rasselt durch die Straßen, um unten am Grindbrunnen inspiziert zu werden, hessische Chevaulegers sprengen hin und her, württembergische und bayerische Soldaten außer Dienst lassen sich in Droschken durch die Stadt fahren, um sich dieselbe in bequemer Weise zu besehen. Dazu die aufregenden Neuigkeiten unserer Zeitungen und Lokalblätter, meist mit einer Sauce des gemeinsten Hohns und hirnloser Schimpferei übergossen, nicht selten auch mit perfider Hetzerei gewürzt, dann die zahlreichen Gruppen fragender und erzählender Menschen auf Straßen und Plätzen und die stereotypische Frage eines jeden Begegnenden: “Was gibt’s Neues?”, wobei sich dann natürlich herausstellt, dass die Neuigkeit vom Frühstück her um die Mittagszeit schon 100 Jahre alt geworden.
Brief an Carl von Lepel, 20. Juni 1866
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