Straßennamen – wenn der Zeitgeist sie ändert
Der Mensch, wer wollte es bestreiten, ist ein Gewohnheitstier. Auf Veränderungen reagiert er meist unwillig; das gilt besonderes für solche, die sein unmittelbares Lebensumfeld betreffen. Namen und Adressen zum Beispiel. Ein Thema, das regelmäßig dann aktuell wird, wenn es gilt, bedeutende verstorbenen Persönlichkeiten zu ehren. Was man am liebsten dadurch tut, dass man eine Straße oder einen Platz nach ihnen benennt. Das Problem: Die Örtlichkeit trägt meist schon einen anderen Namen, einen, der oft durch historische Gegebenheiten bestimmt ist.
Oft sind diese Gegebenheiten freilich auch nur scheinbar traditonsbehangen. So war den wenigsten Kritikern, die 1993 gegen die Umbenennung des “traditionellen” Theaterplatzes in Willy-Brandt-Platz protestierten, bewusst, dass dieser Ort erst seit 1964 Theaterplatz hieß. Von 1902 an nämlich war der Name “Am Schauspielhaus”. Durch den Neubau der Städtischen Bühnen mit Theater, Oper und Kammerspiel war der Name obsolet geworden.
30 Jahre zuvor hatte es eine heftige Diskussion um einen anderen großen Namen gegeben: Nach der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 sollte auch in Frankfurt – einer bedeutenden Station seiner Deutschlandreise wenige Monate zuvor – ein Ort nach Kennedy benannt werden. Der Magistrat schlug die Untermainbrücke vor, die SPD im Römer plädierte wegen der Nähe zum Marshall-Brunnen für die Taunusanlage, die FDP wollte den Paulsplatz umbenennen. Auch Opernplatz und Kaiserleibrücke waren für Kennedy im Gespräch.
Wochenlang füllte die Diskussion die Kommentar- und Leserbriefspalten der örtlichen Zeitungen. So schrieb ein Leser in der FR: “Die Schöpfer des Namens der Unter- und Obermainbrücke haben sich auch ihre Gedanken bei der Namensgebung gemacht. Man sprach früher in Frankfurt von dem unteren und oberen Main innerhalb der Stadtgrenzen …” In der Sitzung des Ältestenausschusses am 9. Dezember 1963 wurde die Namensgebung diskutiert und schließlich der Kompromissvorschlag der CDU angenommen, die Forsthausstraße in Kennedyallee umzubenennen. Auf jener Straße hatte der Präsident Frankfurt verlassen, um von der Rhein-Main-Airbase per Hubschrauber nach Wiesbaden geflogen zu werden. Tage später stimmte die Stadtverordnetenversammlung der Umbenennung zu.
So blieb Frankfurt der Name Untermainbrücke erhalten – ein Name, der freilich zwischen 1933 und 1945 im Frankfurter Stadtplan gefehlt hatte. Denn sowohl der Beginn wie das Ende des “Dritten Reiches” hatten auch in Frankfurt zu einem “Bäumchen-wechsle-dich-Spiel” der Namensgebung geführt. So ähnlich wie es später die Bewohner der ehemaligen DDR in den 90er Jahren erleben sollten. Die deutschen Städte wetteiferten damit, Örtlichkeiten nach NS-Größen zu benennen. Da wurde also aus der Untermainbrücke die “Adolf-Hitler-Brücke” und auch die Gallusanlage trug den Namen des “Führers” und Reichkanzlers. Der Untermainkai wurde zum “Hermann-Göring-Ufer” und der Börsenplatz zum “Platz der SA”. Und so ging das munter weiter, nachdem der Mieterschutzverein gefordert hatte, “Straßen und Plätze, die nach Nichtariern benannt sind, allmählich umzubenennen”. Mit vielen anderen verschwand der Name des Komponisten Mendelssohn ebenso wie der des langjährigen Bühnen-Intendanten Emil Claar, von der Bildfläche. Die Emil-Claar-Straße im Westend war erst 1930, nach dem Tode des Theatermannes, umgenannt worden und hatte bis dahin Praunheimer Straße geheißen.
Nach dem Krieg dann also das Ganze retour. Man entsorgte alle Bezeichnungen, die nur irgendwie an Militarismus erinnerte. Darunter fielen preußische Generäle wie Clausewitz, Scharnhorst, Gneisenau und Lützow ebenso wie der Marine-Poet Gorch Fock. Die geschichtliche Entwicklung der vergangenen Jahre schlug sich damals im Frankfurter Stadtplan in unterschiedlicher Weise nieder: Neue Straßen wurden nach den Opfern des NS-Terrorregimes benannt – von der gebürtigen Frankfurterin und Tagebuchautorin Anne Frank bis hin zu Widerstandskämpfern wie den Geschwistern Scholl, Wilhelm Leuschner, Carl Goerdeler oder Adolf Reichwein. 1959 wurden am Industriehof in Hausen eine Reihe von Straßen nach ostpreußischen Orten wie Königsberg, Insterburg, Lötzen benannt, um, so Stadtrat Kampffmeyer (SPD), “die Menschen an die ostdeutsche Heimat zu erinnern”.
Manche Umbenennung scheiterte freilich am zähen Widerstand der Frankfurter. Die Kaiserstraße beispielweise war 1947 zum Gedenken an den ersten Reichspräsidenten in Friedrich-Ebert-Straße umgetauft worden – worauf sie jahrelang spöttisch “Kaiser-Ebert-Straße” genannt wurde. 1955 gab der Magistrat klein bei und der Prachtstraße zum Hauptbahnhof ihren alten Namen wieder. Friedrich Ebert aber ist bis zum heutigen Tage Namensgeber der Anlage zwischen Messegelände und Platz der Republik.
Wie schwer das Umdenken manchmal fällt, dafür lieferte die Hessische Justizverwaltung ein schönes Beispiel: Am 6. November 1962, also siebzehneinhalb Jahre nach Kriegsende, schickte die Justiz einen Brief an die “Einhorn-Apotheke, Horst Wesselplatz 1″. Ein findiger Postbeamter hat darunter geschrieben: “Goetheplatz”. Immerhin eine erkennbare Verbesserung – auch wenn die korrekte Adresse “Rathenauplatz” lautete.
Im Netz: Übersicht über Frankfurter Straßen, die nach dem Zweiten Weltkrieg umbenannt wurden
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